"Was uns verbindet ist mehr als das, was uns trennt"

Rosel Kesel

Von Rosel Kesel

Mo, 19. Juni 2017

Offenburg

Die Ökumene ist ihm ein starkes Anliegen: Pfarrer Gerhard Bernauer wird diesen Montag 80 Jahre alt / Zweites Vatikanisches Konzil war für ihn richtungsweisend.

OFFENBURG. Das zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) hat vielen Gläubigen Hoffnung auf Reformen in der katholischen Kirche gemacht. Für den pensionierten Pfarrer Gerhard Bernauer, der an diesem Montag seinen 80. Geburtstag feiert, war es richtungsweisend für seinen Lebensweg: "Diese Zeit bedeutete Aufbruch, hat mich geprägt und bewogen, Priester zu werden", erklärt er und ergänzt nachdenklich, "ohne die zukunftsweisenden Vorgaben des Konzils wäre ich wohl nicht Priester geworden. Papst Johannes XXIII. habe ein Konzil geplant, das die katholische Kirche auf die Gegenwart ausrichten sollte. Dessen Neuorientierungen haben das Gesicht der Kirche verändert - "die Fenster zur Welt weit aufgestoßen". Mit dem Konzil sei eine umfassende Erneuerung eingeleitet worden, so der Geistliche. Gerhard Bernauer, gebürtiger Freiburger, entschloss sich nach einer Schriftsetzerlehre, am Spätberufenenseminar in Sasbach das Abitur abzulegen, um Theologie studieren zu können. Mit ihm haben damals 100 weitere Kanddidaten diesen Weg eingeschlagen – eine große Zahl, die es heute nicht mehr gebe und deshalb gibt es auch das Institut nicht mehr. Eine Antwort auf die Frage, was diesen Wandel verursacht hat, hat der pensionierte Pfarrer auch nicht. Er schloss das Studium 1968 ab. Gerne weist er darauf hin, dass ihn Theologie jung halte; man sei den Menschen nahe, habe viele Kontakte zu den unterschiedlichsten Personen. Auch die 68er Bewegung habe in seinen Beruf reingestrahlt.

In diesem Jahr soll es noch über den Jakobusweg gehen

Die daraus entstandenen Auswüchse habe er nicht gutgeheißen. Autoritäten anzuerkennen, die keine überzeugenden Argumente haben, das falle ihm schwer; für ihn sei bei Entscheidungen immer das Gewissen maßgebend. Nach dem Studium absolvierte Bernauer ein Diakonatsjahr, in dem er Erfahrung sammeln konnte. Gut beraten fühlte er sich dabei vom späteren Regionaldekan für die Ortenau, Pfarrer Herbert Dewald. 1970 wurde Gerhard Bernauer zum Priester geweiht. Nach dem Zölibat gefragt, vertritt er die Meinung, dass man den Priestern die Entscheidung frei stellen solle, welche Lebensform sie wählen. Der Priester war Kaplan an mehreren Stellen, 21 Jahre Pfarrer in Weil am Rhein und zwölf Jahre in Kehl. Im Jahr 2007 ging Bernauer in den Ruhestand und zog nach Offenburg. In der schönen Wohnung erinnern viele, farbenfrohe Bilder an Maria Raab – sie war Fachlehrerin für Bildhaftes Gestalten an der Hauswirtschaftlichen Schule in Offenburg – eine spirituelle Künstlerin, die er nach ihrem Tod vor drei Jahren sehr vermisst: "Wir waren über vierzig Jahre zusammen". Dass er noch im Alter das Privileg habe, die Worte des Evangeliums weitergeben zu dürfen, freue ihn, denn wohl in wenigen anderen Berufen sei es möglich, so lange seine Kenntnisse anderen zu vermitteln. Dafür ist er dankbar und weil er dankbar ist, gehe es ihm gut.

Der Pensionär fühlt sich wohl in Offenburg und weiß sich angenommen. Für sein Wohlergehen braucht er vor allem Bewegung, soziale Kontakte und eine gesunde Ernährung. Bei Kontakten zu Jugendlichen, das gesteht er lächelnd ein, verstehe er deren Musik nicht mehr, ebenso wie er sich schwer tue mit den digitalen Medien. Er benutze zwar einen Computer aber nur für das Notwendigste: "Halb gut reicht mir". Das gilt aber nicht, wenn er für andere etwas organisiert. Als Mitglied im Leitungsteam des C-Punktes bietet er zusammen mit der Evangelischen Erwachsenenbildung "ökumenisches Pilgern" an, in diesem Jahr zu verschiedenen Flussquellen. Er sei auch dort zu finden, wo es an "die Ränder" geht, zum Beispiel alle paar Wochen im Gefängnis, um Gottesdienst zu halten, auch einige Pflegeheime können auf ihn zählen. Die Ökumene ist ihm ein starkes Anliegen, wobei er betont: "Ich bin dabei etwas ungeduldig". Es wären sehr viel mehr Dinge gemeinsam möglich, denn: "Was uns verbindet ist mehr als das, was uns trennt." Der Achtzigjährige ist zuversichtlich, dass ein Weg gefunden wird. Zusammen mit dem evangelischen Pensionärskollegen Willfried Renner hält er Vorträge über "Martin Luther und die Reformation".
In Seminaren möchte er die Bibel den Menschen nah bringen: "Aus dem Lesebuch ein Lebensbuch machen". Da der Senior noch überaus fit ist, plant er für dieses Jahr wieder einen Jakobusweg zusammen mit seinem Freund Rudolf, diesmal über den "Camino del norte". Der Achtzigjährige wird dabei Danke sagen für alles, was er in seinem Leben erfahren durfte in dem Wissen: "Es gibt einen, der es gut mit mir meint".