Wenn Bilder sich erst im Schaffen formen

Erika Sieberts

Von Erika Sieberts

Mo, 24. September 2018

Offenburg

Performance mit Kunst und Musik bei "Kunst im Areal" fordert die Künstler und auch die etwa 60 Zuschauer.

OFFENBURG. Dabei sein, wenn Kunst passiert, die Aktion erleben, das Geheimnis des Entstehens. Etwa 60 Besucherinnen und Besucher sind am Samstagabend live dabei, als Musik und Malerei interagieren. Performance ist bei "Kunst im Areal" angesagt. Was sich geheimnisvoll anhört, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Schaffensprozess, der so oder so ähnlich tagtäglich überall stattfindet, wo Menschen an der Entstehung eines Produkts beteiligt sind. In diesem Fall ist es Malerei auf mehreren Quadratmetern Papier, die im Obergeschoss der ehemaligen Spedition Dietrich am Güterbahnhof im Offenburger Norden aufgespannt sind.

Punkt 18 Uhr beginnt die Performance, die Rainer Herrfurth aus der Dietrich-Familie eröffnet. Die Bühne ist genauso große wie der Zuschauerkreis: Auf der linken Seite sitzt auf einem Stuhl Karsten Hochapfel am Cello mit zwei Gitarren im Hintergrund, den Fuß am Regler, der Töne in unterschiedlichen Klangfarben über die Lautsprecher bringt.

Zunächst mit dem Rücken zum Publikum sitzend: zwei Künstler, barfuß, in lockerer, dunkler Kleidung, die sich offensichtlich auf die ersten Klänge und ihre Aufgabe konzentrieren. Vor sich: drei weiße mehrere Quadratmeter messende Papierwände, und etwas Material: Farbeimer, Kreppband, Skizzenpapier, Pinsel, Flaschen unterschiedlichen Inhalts und Lappen auf dem mit Plastikfolie abgeklebten Boden. Im offenen Halbkreis gegenüber: etwa 60 Zuschauer, die sich gleich bei Wein und Häppchen auf die Performance einlassen werden, deren Teil sie bereits sind.

Erste Klänge: Einfaches Zupfen der Saiten. Die beiden Künstler erheben sich, nähern sich der Leinwand. Thomas Oehm, Kunstrestaurator, der seit fast 40 Jahren in Paris lebt und bei Robin Thiodet die Malerei gelernt hat, beginnt in großen Bahnen Kreppband abzureißen und in eckigen Bögen auf seine "Leinwand" zu kleben. Dann beginnt er mit großem gestischen Strich schwarze Linien aufzutragen. Daneben sein Partner Robin Thiodet, Maler, Kunstwissenschaftler und Performancekünstler aus Paris. Er schaut in sein Skizzenbuch und überträgt schwarze Punkte und Linien aufs Großformat.

Unterdessen beginnen im Publikum Gespräche, ausdrücklich erwünscht vom Veranstalter. Im Nebenraum stehen Maltisch und Staffeleien, an denen sich die Gäste üben dürfen. Nach etwa einer von zwei angekündigten Performance-Stunden sind die dort angebrachten Blätter noch weiß. Zwei Personen, ein Kind, eine Erwachsene, versuchen sich mit ersten Malaktionen. Derweil nehmen die Konturen auf den großen Wänden im Hauptraum Formen an: Robin Thiodet lässt ein überdimensionales nacktes Baby auf dem Rücken strampeln, rechts oben eine Kamera, links unten ein Raubtier und den Schriftzug "WENN NICHT". Tiefe, dunkle Töne vom Cello, Schrammeln, elektronisch verzerrt per Fußpedal. Es folgen Umrisse einer Pistole. Zuschauer fragen: "Beeinflusst die Musik die Malerei oder umgekehrt?"

Am anderen Ende des Halbrunds kommt Farbe ins Spiel: Oehm verwendet helles Blau und hautfarbene Töne. Thiodet wirft dünnflüssige Farbe an die Oberkante seines Blatts, die über den Babykörper fließt. Nun beginnt so etwas wie Action Painting, das die beiden Künstler gleich wieder mit kontrollierten Gesten beruhigen. Auf der mittleren Wand sind beide Akteure zugange. Immer wieder verlassen sie ihr Malfeld, um das Gemeinsame zu entwickeln. Spannend. Die Zuschauer sind konzentriert und scheinen das Dabeisein zu genießen.

Die Künstler äußern sich in einem gedruckten Handout. Robin Thiodet: "Der Gedanke über das Gemälde findet nicht in meiner Vorstellung statt, sondern direkt auf der Leinwand. Ich denke nicht darüber nach, es entwickelt sich eine Eigendynamik, es ‚denkt’ ein Pinsel." Oehm: "Unser Alltag heute ist von gewohnten Abläufen bestimmt. Die Performance zwingt uns genau zum Gegenteil: Sich einlassen darauf, was wir in diesem Moment hören, sehen, fühlen."