Wohnungslosenhilfe

Zahl der Obdachlosen in der Ortenau steigt – viele Ursachen

Christine Storck

Von Christine Storck

Do, 07. Dezember 2017 um 11:16 Uhr

Offenburg

Hohe Mieten, die Unterbringung Geflüchteter oder neue Gesetze lassen Menschen auf der Straße landen: So ist die Zahl der Obdachlosen in der Ortenau seit dem Frühjahr gestiegen.

"Besonders betroffen sind die Städte Offenburg, Lahr und Kehl", sagte Eva Christoph, Leiterin der Wohnungslosenhilfe im Kreis, am Mittwoch bei einem Pressegespräch. "Die Entwicklung macht uns Sorgen, vor allem jetzt im Winter.” Gleichzeitig hätten sich die Ausgaben für die medizinische Versorgung in den vergangenen Jahren auf rund 90.000 Euro verdoppelt.

Bisher kümmerten sich die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe um rund 300 Betroffene im Jahr. Unter den Obdachlosen seien erstmals viele EU-Ausländer, die laut einem Gesetz von 2016 frühestens nach fünf Jahren Hartz IV bekommen, wenn sie nicht in Deutschland arbeiten, selbstständig sind oder einen Leistungsanspruch mit vorheriger Arbeit erworben haben. Eine weitere Gruppe bestehe aus unter 25-Jährigen, denen aus verschiedensten Gründen die Leistungen vom Amt gekürzt wurden. Rund 15 Prozent der Obdachlosen beziehen überhaupt kein Geld.

Einen weiteren Grund für die Zunahme von Betroffenheit sieht Eva Christoph darin, dass die Kommunen viel Wohnraum für Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung vorhalten müssen. "Sie sind damit überfordert", sagte sie. Es fehle die Solidarität vom Bund den Ländern und von den Ländern den Kommunen gegenüber. Die Politik müsse zudem konsequenter darauf schauen, wer in Deutschland bleiben kann und wer nicht. Helfen würde aber auch, wenn kommunale Wohnungsbaugesellschaften wieder gemeinnützig werden könnten.

"Kommunen mit Wohnraum für Geflüchtete überfordert"

Axel Richter, Vorsitzender des Fördervereins "Pflasterstube" im St. Ursulaheim Offenburg, macht fehlenden sozialen Wohnungsbau für die Entwicklung verantwortlich. "Vieles von dem, was entsteht, ist nicht für die Armen gedacht", meinte er. Gleichzeitig gebe es aber gute Ansätze, wenn der politische Wille vorhanden sei. "Die wenigsten Obdachlosen leben freiwillig auf der Straße. Leider haben sie keine Lobby und werden immer stärker isoliert", so Richter. Die Individualisierung lasse kaum noch Nischen für diejenigen, die nichts haben. "Sie brauchen Schutz und Fürsorge, manchmal reicht schon ein Lächeln und eine Tasse Kaffee", warb er um mehr Verständnis.

Immer öfter kommen Menschen in Notsituationen in die Einrichtungen, die keinen Anspruch auf Leistungen haben, berichtet Christoph. "Wir versuchen, mit allen Mitteln zu helfen, müssen aber auch wegschicken. Das ist tragisch, denn den Menschen geht es oft gesundheitlich nicht gut."

2200 Übernachtungen im Winter

Das St. Ursulaheim mit seinen 44 stationären Plätzen sei immer voll, auch die 40 Plätze in angemieteten Wohnungen ebenso. In den Wohnungen des Erfrierungsschutzes hätten vergangenen Winter rund 2200 Übernachtungen stattgefunden. In Offenburg und Lahr existieren darüber hinaus noch 19 Plätze in betreutem Wohnen sowie seit April 2016 in Offenburg eine Einrichtung nur für Frauen. "Der Kreis und die Kommunen sind uns gute Partner", lobte Eva Christoph.

Mehr Obdachlose erfordern auch mehr Engagement durch den Förderverein "Pflasterstube" im St. Ursulaheim. Vor drei Jahren standen 45 000 Euro im Jahr zur Verfügung, heute sind es rund 90 000 Euro, die für medizinische Versorgung und Personal nötig seien. "Zum Glück haben wir so viele Spender, die uns unterstützen", freute sich Axel Richter. Der Verein besorgt zum Beispiel Brillen oder ambulante Behandlungen.

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