Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. Dezember 2017

Die Russen eint die beleidigte Unschuld

Dass das IOC Sanktionen gegen den dopingverseuchten Sport in Russland ausspricht, führt nicht zu Gesten des Bedauerns / Putin ist gegen Boykott.

  1. Der russische Präsident Wladimir Putin (vorne) und der damaliger Sportminister Witali Mutko bei den Paralympics 2014 in Sotschi. Foto: dpa

MOSKAU. "No Russia, no Games". Nach dem Beschluss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über eine bedingte Zulassung russischer Athleten zu den Winterspielen in Südkorea, werden in Russland Stimmen für oder gegen einen Boykott laut. Aber fast alle eint beleidigte Unschuld. Russland gibt sich ungefähr so wütend wie der Krallen und Zähne zeigende Bär, den der Blogger Andrei Esaulow ins Netz gestellt hat. Unterschrift: "Unser Land konnten die amerikanischen Terroristen weder in der Ukraine noch in Syrien zerbrechen, die Sanktionen des IOC zerbrechen uns auch nicht."

Es ist einer von mehr als 8000 Posts, die laut der Agentur Ria Nowosti schon in den ersten sechs Stunden nach der Entscheidung in Lausanne unter dem trotzigem Teg "No Russia, no Games" auf Twitter auftauchten.  Am Dienstagabend sperrte das IOC das russische NOK für die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang. Nur russische Sportler, denen eine internationale Kommission bescheinigt, "sauber" zu sein, werden starten dürfen. Und das nur in neutralen Trikots, ohne russische Flagge und Hymne. Eine Entscheidung, die in Russland viele erwartet, aber wenige erhofft hatten.

Werbung


"Eine abscheuliche Entscheidung. Zweifellos ist sie Teil der Generallinie des Westens zur Eindämmung Russlands", schimpft der Senator Konstantin Kosatschjow auf Facebook. "Sie haben Verräter angeworben, gezielt nur Reagenzgläser eines Landes durchgeschüttelt, Hysterie in den Medien organisiert." Und die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa sekundiert: "Die IOC-Entscheidung ist diskriminierend, ungerecht und erniedrigend für die nationale Würde unseres Landes." Die staatliche TV-Gesellschaft WGTRK und die staatlich kontrollierte Holding Gasprom-Media wollen sämtliche Olympia-Übertragungen streichen.

Leugnen trotz stichhaltiger Beweise

Das offizielle Russland reagiert nicht zufällig so heftig. TV-Kommentatoren und Politiker versicherten am Mittwoch wiederholt, das IOC habe in Lausanne öffentlich zugegeben, dass in Russland nie ein staatliches Dopingsystem existiert hat. Doch das ist eine ziemlich glatte Lüge. Und der Strafenkatalog des IOC zielt gerade auf den russischen Staat. "Seine Symbole und Vertreter sind ausgeschlossen worden", konstatiert die Zeitung Wedomosti, "Fahne, Hymne, Nationaltrikots und Beamte."

Ex-Sportminister Witali Mutko, inzwischen zum Vizepremier befördert, und sein Ex-Stellvertreter Juri Nagornych wurden lebenslang für Olympia gesperrt, der Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees von Russland, Alexander Schukow, aus dem IOC ausgeschlossen. Sie alle bestreiten den skrupellosen Missbrauch des Heimrechtes bei den Winterspielen in Sotschi zum Austausch frischer Dopingproben vehement. "Die Bestrafung Unschuldiger ist unmoralisch", tönte Schukow noch in seiner Rede vor dem IOC in Lausanne. Er machte Sergei Rodtschenkow, den in die USA geflohenen Chef des russischen Anti-Doping-Labors, zum Sündenbock: "Heute diskutiert man die Disqualifikation eines ganzen Landes aufgrund unbelegter Erklärungen eines Betrügers, der in ein anderes Land geflüchtet ist und vor jedem sportlichen Großereignis weiter ’Enthüllungen’ wie ein Zauberer aus dem Hut zieht."

Umfrage-Teilnehmer sind gegen Boykott

Sportler und Trainer weisen die Dopingvorwürfe ähnlich heftig zurück. Aber während Parlamentarier laut über einen Boykott nachdenken, plädiert der zweifache Biathlon-Weltmeister Sergei Tschelikow dafür, den Sportlern den Start in Südkorea zu gestatten: "Ich sehe das Feuer in den Augen der Athleten, das ist das Ziel ihrer sportlichen Karriere, sie haben sich darauf vorbereitet und wollen nun den Gipfel stürmen." Man müsse ihnen die Chance geben, sich selbst zu realisieren.

Bei einer Umfrage des Nachrichtenportals newsru.com sprachen sich 53,4 Prozent der Teilnehmer für einen Start russischer Sportler unter neutraler Flagge aus, nur 36,9 Prozent für einen Boykott. Der Kremlberater Sergei Markow aber sagte der Badischen Zeitung, er sei für einen Boykott, der indes allen Sportlern, die starten wollten, doch eine Teilnahme ermöglicht. "Aber wir müssen diesen Menschen erklären, dass sie dort kein ehrlicher sportlicher Kampf erwartet, dass das Internationale Olympische Komitee unter dem politischen Druck amerikanischer, kanadischer und englischer Geheimdienste handelt, in deren Länder viel mehr gedopt wird als in Russland."

In Russland gilt Doping im vaterländischen Leistungssport als offenes Geheimnis. Gleichzeitig herrscht die Überzeugung, auch andere Sportnationen arbeiteten mit leistungsstärkenden Mitteln. "Früher haben die anderen bei uns beide Augen zugedrückt, so wie das offenbar gegenüber den Chinesen weiter der Fall ist", sagt der Politologe Juri Korgonjuk. "Aber inzwischen hat der Westen Putins Regionalimperialismus satt, seine gesamte Politik. Und wir sind beleidigt, dass andere weiter dopen dürfen, man uns aber auf die Finger klopft."

Wladimir Putin erklärte am Mittwoch vor Arbeitern des Autowerks GAS in Nischni Nowgorod, die russischen Behörden würden keinen Sportler daran hindern, in Südkorea zu starten: "Ich leide auch mit den Jungen und Mädchen, viele kenne ich nicht nur persönlich, sondern betrachte sie als meine Freunde. Jeder von ihnen muss jetzt eine Entscheidung fällen."

Das Internationale Paralympische Komitees (IPC) will am 22. Dezember eine Entscheidung zu einem möglichen Ausschluss Russlands bei den Paralympics 2018 in Pyeongchang treffen.

Autor: Stefan Scholl