Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Juli 2011

Die Webadresse ist schon gesichert

Deutsche Olympiaplaner schließen München 2022 nicht aus / Abstimmungsniederlage kein Makel für IOC-Vize Thomas Bach.

  1. Schließt München 2022 nicht aus: IOC-Vize Thomas Bach Foto: dpa

DURBAN (dpa). Auf ein Neues 2022: Am Tag nach der Münchner Wahlpleite um den Milliardenpreis Olympia 2018 verdichtete sich das Stimmungsbild, dass sich die Isar-Metropole ein zweites Mal um die Winterspiele bewerben möchte.

"Wir lassen uns nicht unter Druck setzen. Enttäuschung ist der falsche Ratgeber", erklärte der deutsche Ober-Olympier Thomas Bach sichtlich mitgenommen am Donnerstagmorgen in Durban. Stunden später, nach zahlreichen Gesprächen mit seinen IOC-Kollegen, hörten sich seine Aussagen schon wieder viel kämpferischer an: "Die Bewerbung hat sehr viel Sinn gemacht. Das Konzept wurde allgemein als hervorragend beurteilt. Die IOC-Kollegen haben mir viel Mut gemacht."

Die Lehren von Durban sind bitter. Die Kernbotschaften der Kandidatur wurden in allen acht Präsentationen überzeugend und leidenschaftlich verkauft. Inhalt und Darstellung stimmten – aber die olympische Entwicklungshilfe für den südkoreanischen Skiort aus der Retorte war den IOC-Mitgliedern wichtiger. Die alpenländische Tradition war gegen die asiatische Reißbrettvision mit ihren 499 Schneekanonen chancenlos. Pyeongchangs historischer Wahlsieg hat die olympische Winterwelt um Südkorea erweitert.

Werbung


Die bravourös kämpfende Katarina Witt konnte ihren Seelenkater nicht weglächeln und erst recht nicht sofort an ein Weiterkämpfen denken. Nach dem Bewerbungsmarathon und den Dienstreisen rund um die Welt fühlte sie sich innerlich leer. "Ich muss mich jetzt erst einmal ausruhen", gestand die 45-Jährige. Sie will jetzt erstmal ihre Wohnung renovieren.

Bach und Münchens OB Christian Ude tanzten sich im Deutschen Haus in Durban zunächst einmal den Frust von der Seele, Witt stand untröstlich abseits. "Natürlich nimmt man so eine Niederlage persönlich", gab sie zu. "Es ist ein bisschen schwer zu verstehen. Ich sehe die Niederlage natürlich aus Athletensicht – da denkt man, der Beste wird gewinnen." Die Deutlichkeit des Votums hatte auch IOC-Präsident Jacques Rogge überrascht. Südkoreas Presse jubelte: "Zwölf Jahre der Hoffnungen, Träume und mühevollen Arbeit wurden belohnt", schrieb die Zeitung Joong Ang Ilbo. Die Korea Times titelte: "Yes! Am Ende doch, ein Fall von ’Aller guten Dinge sind drei’."

Das südkoreanische Projekt hinterlasse "ein gewaltiges Erbe. Pyeongchang wird ein neues Wintersportzentrum in Asien", erklärte Rogge und beantworte damit gleich eine der meistgestellten Fragen. Das Ja-Wort für Pyeongchang war eine Grundsatz-, keine Qualitätsentscheidung. Rogge empfahl den Deutschen eine erneute Bewerbung für 2022. "München hat viele gute Ideen und Kreativität eingebracht und wurde diesmal nicht belohnt. Ich hoffe, dass wir sie in der Zukunft weiter sehen", sagte der Belgier.

Die Marketingabteilung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ließ sich prophylaktisch schon einmal die Webadresse (muenchen2022.org) sichern. Am kommenden Mittwoch ist in Frankfurt die erste offizielle Manöverkritik angesetzt. "Die Niederlage ist nicht einfach zu erklären, es war wohl eine Mischung zwischen neuen Märkten und Mitleid", kommentierte Bach.

Selbst der bestens vernetzte IOC-Vize konnte das Stimmendebakel nicht verhindern und bekam von seinen Kollegen der Ringe-Regierung eine sportpolitische Ohrfeige verpasst. Seinen Ambitionen auf das IOC-Präsidentenamt muss die Schmach jedoch nicht geschadet haben. "Meine Kollegen wissen zu unterscheiden zwischen Niederlagen von Bewerbern und Personen", so Bach. Seine Rolle als Anführer einer Olympia-Bewerbung gab ihm eine andere, im persönlichen Wahlkampf möglicherweise wichtige Perspektive auf die IOC-Kräfteverhältnisse.

"Diese Niederlage wird seine Kandidatur in keiner Weise negativ beeinflussen", analysierte auch IOC-Ehrenmitglied Walther Tröger. Mit 63:25 Stimmen hat Südkoreas drittgrößte Stadt die Isar-Metropole gleich im ersten Wahlgang düpiert. Das französische Annecy war in dem ungleichen Dreikampf mit sieben Voten nur eine Randnotiz.

Autor: dpa