Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. August 2012

Ein Perfektionist mit starken Nerven

Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov gewinnt Bronze – und liegt damit zumindest bei Olympia vor Ausnahmespieler Timo Boll.

  1. In atemraubenden Tempo bewegte sich Dimitrij Ovtcharov nicht nur im Spiel um Platz drei. Foto: dpa

LONDON (dapd). Dimitrij Ovtcharov ist den Spuren von Jörg Roßkopf gefolgt und hat als zweiter Deutscher eine olympische Einzel-Medaille im Tischtennis gewonnen. Der 23-Jährige besiegte Chuang Chih-Yuan aus Taiwan im Spiel um Platz drei 4:2 und feierte mit der Bronzemedaille den größten Erfolg seiner Karriere. Nach dem Aus von Timo Boll im Achtelfinale bescherte Ovtcharov dem Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) eine unerwartete Medaille.

"Ich kann es noch gar nicht glauben und bin einfach nur wahnsinnig stolz", sagte Ovtcharov. Boll, der seinem Teamkollegen schon bei dessen Halbfinal-Niederlage gegen Weltmeister Zhang Jike auf der Tribüne die Daumen gedrückt hatte, ergänzte: "Das ist großartig für Dima und unseren Sport. Er hat die besseren Nerven gehabt und den Sack zugemacht. Es ist eine verdiente Medaille."

Der Rekord-Europameister sah von Beginn an ein enges Match, bei dem Ovtcharov schon nach dem Gewinn des ersten Satzes wie ein Sieger jubelte. Chuang ließ sich davon nicht beeindrucken und drehte die Partie mit zwei Satzgewinnen. Doch Ovtcharov bewies wie schon im Viertelfinale gegen Michael Maze Nervenstärke, kam zurück ins Spiel und ging am Ende verdient als Sieger aus der Box.

Werbung


Noch nie hatte es ein Deutscher in das Olympia-Endspiel geschafft, und auch Ovtcharov scheiterte deutlich. Gegen den Chinesen Zhang Jike war der EM-Dritte von 2007 bis auf wenige Phasen chancenlos und verlor 1:4. "Es war das erwartet schwere Spiel. Dimi war vielleicht in ein paar Situationen zu zögerlich", sagte Tribünengast Boll.

Bisher hatte nur der heutige Bundestrainer Roßkopf bei olympischen Spielen eine Einzelmedaille gewonnen. Boll hat es in seiner Karriere trotz seines überdurchschnittlichen Talents bisher nie über ein olympisches Viertelfinale hinaus geschafft. Im seit 1988 olympischen Tischtennis ist es bisher überhaupt erst zwei Europäern gelungen, in das Finale einzuziehen. Der Schwede Jan-Ove Waldner gewann 1992 in Barcelona Gold durch einen Sieg gegen den Franzosen Jean-Philippe Gatien. Waldner stand 2000 in Sydney noch einmal im Endspiel, verlor dort aber gegen den Chinesen Kong Linghui.

Dimitrij Ovtcharov macht aus seinen Ambitionen keinen Hehl. "Natürlich ist es das Ziel, die Nummer eins im Land zu werden", sagt der 23-Jährige. Dass er dafür an Ausnahmespieler Timo Boll vorbei muss, beflügelt den ehrgeizigen Athleten nur noch mehr. Mit dem Gewinn der olympischen Bronzemedaille liegt er in einer Kategorie nun schon vor Boll – der in London bereits im Achtelfinale Gescheiterte stand bei Sommerspielen im Einzel noch nie auf dem Treppchen.

Für Ovtcharov endete mit dem Erfolg am Donnerstag auch eine persönliche Durststrecke. Seit er 2007 bei seinem EM-Debüt gleich Bronze gewonnen hatte, rannte er einer weiteren Medaille erfolglos hinterher. Schon deshalb hat der Perfektionist in London nichts dem Zufall überlassen. So oft es ging trainierte er auf dem Center Court, selbst wenn er dafür im Morgengrauen aus dem Bett musste.

Als Ovtcharov vier Jahre alt war zogen seine Eltern mit ihm von Kiew nach Hameln. Sein Vater Michail war früher selbst sowjetischer Auswahlspieler und so meldete er sich und Dimitrij bei Schwalbe Tündern an. Sein Vater ist bis heute sein Trainer und eigentlich immer bei großen Turnieren dabei. Auf die Reise nach London verzichtete er allerdings

Ovtcharov ist zudem der Musterschüler von Bundestrainer Roßkopf. Er hat den gleichen Ehrgeiz, kann sich im Training ebenso quälen wie einst Deutschlands Mr. Tischtennis. Und den Gewinn von olympischem Bronze hat das Duo nun ebenfalls gemein.

Autor: dapd