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11. August 2012

Eine fast wilde Nacht

Jonas Reckermann und Julius Brink wollen nach Olympia-Gold feiern, die Sperrstunde hindert sie.

  1. Erklärungsnot nur beim Thema Gummipuppen: Jonas Reckermann und Julius Brink haben Geschichte geschrieben. Foto: dpa

LONDON. Nachts um eins war im Prezzo der Teufel los. Das italienische Restaurant am Trafalgar Square war fest in deutscher Hand, Bier und der Rotwein flossen in Strömen. Freunde, Familienangehörige und Fans – wer immer sich mit Julius Brink und Jonas Reckermann identifiziert, machte die Nacht zum Tag. Später zog die Feiergemeinde weiter in den angesagten Club China White, doch um drei Uhr war die Party vorbei – Sperrstunde. Dabei hätte es so viel zu feiern gegeben in dieser magischen Nacht von London.

Stunden zuvor hatten Brink und Reckermann beim olympischen Beachvolleyball-Turnier die Goldmedaille gewonnen. In einem an Dramatik kaum zu überbietenden Finale gewannen die Deutschen gegen die brasilianischen Weltmeister Alison Cerutti und Emanuel Rego mit 2:1 (23:21, 16:21, 16:14). Es war ein historischer Erfolg, zum ersten Mal gewann ein europäisches Team beim wichtigsten Event, das es in dieser Sportart gibt. Ein ähnliches Bravourstück war den beiden Ausnahmespielern bereits 2009 bei der WM in Stavanger geglückt, aber Olympia, sagt Julius Brink, sei noch einmal etwas ganz anderes.

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Es war 22 Uhr und zwei Minuten, als Emanuel Rego beim vierten Matchball der Deutschen seinen Angriffsschlag ins Aus setzte. Der mit 15 000 Zuschauern besetzte Center Court auf dem Platz der Horse Guards Parade wurde in seinen Grundfesten erschüttert.

Nach dem Matchball schnappte er sich eine Deutschlandfahne und rannte wie von der Tarantel gestochen über den Sandplatz. Auf der Tribüne herzte sich das Trainertrio Jürgen Wagner, Markus Dieckmann und Hans Voigt. Welch eine Nacht, welch Erfolg. Als die Nationalhymne erklang, standen Brink Tränen in den Augen. "Es ist ein unglaublich überwältigendes Gefühl", stammelte der Abwehrrecke, "in mir kommt die pure Freude hoch. Es ist schwer zu begreifen, was heute geschehen ist." Und Reckermann ergänzte, er werde nun einfach nur diesen wahnsinnigen Moment genießen und sich überhaupt keine Gedanken machen, was noch kommen mag.

Warum wurden die Gummipuppen misshandelt?

Vor zwölf Jahren hatten Jörg Ahmann und Axel Hager in Sydney Bronze gewonnen und sich damit unsterblich gemacht. Nun gibt es zwei Nachfolger, die noch mehr erreicht haben und hierzulande als Legenden in den Geschichtsbüchern ihrer Sportart verewigt werden. Als er vom Sandplatz ging, griff sich Brink mit beiden Händen in sein Trikot. Doch zerreißen, wie es der Diskuswerfer Robert Harting vorgemacht hat, konnte er das Textil nicht. "So viel Kraft wie dieser Typ habe ich nicht", sagte er.

Die deutschen Gipfelstürmer im Sand wussten nicht, wie sie ihrer Gefühle Herr werden sollten. Sie hatten ein unvergessliches Spiel für sich entschieden. Reckermann sprach von "einem Drama, es gab so viele Ups and Downs, das ist einfach irre." Die brasilianische Legende Emanuel Rego (39) sprach von "einer großen Schlacht, alle vier Spieler haben unglaublich viel gegeben."

Als es im unerbittlichen Schlagabtausch im dritten Durchgang zum Showdown kam, wurde es episch: Die Deutschen hatten beim Stande von 14:11 das Ziel vor Augen, als sie Nerven zeigten. Zwei Fehler im Sideout, ein Ass von Alison, der Ball fiel zwischen die beiden in den Sand. Es schien, als würde den Außenseitern die sicher geglaubte Goldmedaille doch noch aus den Händen gleiten. Doch sie fingen sich und machten die entscheidenden Punkte. Eine wahnsinnige Dramaturgie, die sich der Sport für seine großen Momenten aufhebt, in denen Geschichte geschrieben wird. Über den letzten Ball, der im Seitenaus landete, sagte Brink: "Ich wollte unbedingt an den Ball, zum Glück habe ich ihn nicht erreicht."

Die Reise in den Olymp war beendet. Und als es vollbracht war, hatte Brink ein wichtiges Anliegen: "Bitte nur ganz kurze Fragen, ich will jetzt einfach nur noch abfeiern." Doch bevor er in die Nacht von London entlassen wurde, musste der 30-Jährige noch die Sache mit den Maskottchen erklären. Keine leichte Aufgabe, der begnadete Abwehrmann kam auf dem Podium des Presseraums mehr ins Straucheln als zuvor in der Sandkiste. Brink erläuterte, dass sich das Team aus einer Laune heraus im Internet zwei aufblasbare Gummipuppen bestellt hatte, die sie im Appartement des deutschen Beachteams aufgestellt wurden. Die Übersetzerin lief rot an und fragte, ob sie auch diese Passage der Weltöffentlichkeit erläutern solle. Julius Brink konnte die besorgte Dame beruhigen: "Wir wollten die Puppen nur mit Beachklamotten ankleiden, mehr hat nie stattgefunden."

Doch das war noch nicht alles: "Ohne näher ins Detail gehen zu wollen, aber als unsere Frauenteams aus dem Turnier ausgeschieden sind, haben sie die armen Puppen übelst misshandelt." Und bevor er mit der Goldmedaille um den Hals den Raum in die Londoner Nacht verließ, stellte er mit einem breiten Grinsen klar: "Das war nicht in unserem Sinne."

Autor: Felix Meininghaus