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02. März 2010

Vancouver

Eishockey-Finale: Traumhaftes Drehbuch

Kanadas Eishockey-Team gewinnt die von ihm erwartete Gold-Medaille, Superstar Sidney Crosby erzielt Siegtreffer gegen die USA.

  1. Historischer Moment: Sidney Crosby (Mitte), feiert mit Scott Niedermayer und Drew Doughty seinen Siegreffer gegen die USA. Foto: ddp

VANCOUVER. Jeff Rusco steht mit eingesunkenen Schultern vor dem Canada Hockey Place, während weiter drüben jubelnde Menschen zum Skytrain davonrennen. Der kleine, alte Mann stützt sich auf seinen Gehstock, den Blick auf den Boden gerichtet. "Ob ich Hilfe brauche?", wiederholt er und hebt den Kopf. "Bullshit!" Blödsinn. "Wenn ich wollte, könnte ich heute auch ohne das Ding hier nach Hause laufen", sagt er. "Wir haben doch Gold."

Richtig, die Kanadier haben Gold. Genauer gesagt haben sie bei diesen 21. Winterspielen 14 Goldmedaillen gewonnen, so viel wie noch kein anderes Land zuvor. Alles entscheidend ist aber nur diese eine, die letzte: die Goldmedaille nach dem Eishockeyfinale gegen den Nachbarn aus den USA. "Ein Traum geht für mich in Erfüllung", sagt der alte Mann aus Vancouver und damit hat er mit dem Helden des Abends, Kanadas Starstürmer Sidney Crosby, etwas gemeinsam: "Von diesem Moment träumst du tausend Mal, wenn du ein kleiner Junge bist."

In der achten Minute der Verlängerung hatte "Sid the Kid" Kanadas Nationalmannschaft zum ersehnten Heim-Gold geschossen und eine ganze Eishockey-Nation in einen Glücksrausch versetzt. Der 3:2-Triumph im Final-Thriller gegen den Erzrivalen war für die Gastgeber der perfekte Schlusspunkt unter ihre Spiele. Für die Kanadier war es der insgesamt achte Olympiasieg, damit schlossen sie zu Rekordhalter Russland auf.

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Jedem Amateurfilmer wäre dieses Drehbuch als überzogen und unrealistisch um die Ohren gehauen worden: In einem extrem schnellen, packenden und intensiven Spiel hatten Jonathan Toews (10. Minute) und Corey Perry (27.) für die Kanadier vorgelegt, ehe Jonathan Kesler seinem Vereinskollegen des NHL-Klubs Vancouver Canucks Roberto Luongo den Puck zwischen Schoner und Fanghand durch schoss. Das war in der 33. Minute. Eine gute halbe Stunde später, genauer gesagt 25 Sekunden vor Schluss brachte Zach Parise die USA noch in die 20-minütige Verlängerung. "Ich dachte, wir verdienen es heute", sollte Kesler später sagen. Doch auch wenn Amerika ein ebenbürtiger Gegner war: Zu diesem kanadischen Traumfinale gehörte nun mal eben, dass Sidney Crosby, bis dato in diesem Turnier nicht besonders überzeugend, in der achten Minute der Verlängerung den Puck von Jarome Ignila forderte, "und dann habe ich gar nicht richtig hingeguckt, sondern einfach nur geschossen". Nachdem er den überragenden US-Keeper Ryan Miller überwunden hat, schleuderte der 22-Jährige Schläger und Handschuhe von sich und versank im Knäuel seiner Mitspieler. "Das fühlt sich an wie ein Griff ins Klo ", gestand Torwart Ryan Miller über den entscheidenden Augenblick, als er Crosbys Schuss durch die Schoner rutschen ließ.

Auf ein Plakat hatte einer der 19 300 Zuschauer im ausverkauften Canada Hockey Place voller Sehnsucht geschrieben: "Unser Spiel, unser Gold." Eine Woche nach der 3:5-Abfuhr in der Vorrunde hatte sich Kanada bei seinen Nachbarn revanchiert. Schon am Donnerstag hatten auch Kanadas Frauen Eishockey-Gold im Endspiel gegen die USA geholt.

"Es ist sehr bedauerlich, dass heute nicht beide Mannschaften Gold gewinnen konnten", sagte ein sichtlich gezeichneter US-amerikanische Trainer Ron Wilson am späten Abend. Aber das sah das Drehbuch einfach nicht vor. "An dieses Gold werden sich Generationen immer wieder erinnern", rief der Olympiamacher John Furlong später bei der Abschlussfeier und minutenlanger, ohrenbetäubender Applaus setzte ein. Wiederum Stunden später blieben in einem Restaurant alle Kellner wie paralysiert mit vollbeladenen Tellern stehen, als auf dem Bildschirm der entscheidende Moment in der Verlängerung noch einmal gezeigt wurde. Draußen zog die feiernde Menschenmenge vorbei, Kanadas Nationalhymne war der Hit der Nacht und rot-weiß ein modisches Muss. Wieder Stunden später traf ein Olympiahelfer in Whistler einen Mann, der beim Endspiel dabei gewesen war: "Darf ich dich anfassen?" fragte er ehrfürchtig und umarmte den Mann. Die Winterspiele sind vorbei – und Kanada hat sein Happy End.

Autor: Martina Philipp