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14. September 2017

Medaillenjagd auf den Champs-Elysées

Die französische Hauptstadt Paris hat zuletzt 1924 die olympischen Spiele ausgetragen – 100 Jahre später ist es nun wieder so weit.

  1. Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris in Lima Foto: AFP

PARIS. "Sieben Jahre Glück" stünden Frankreich nun bevor, frohlockte Kanu-Olympiasieger Tony Estanguet, Co-Präsident der Pariser Kandidatur, bei der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). In der Sportgeschichte hatte es indes schon spontanere Bekundungen des Jubels gegeben. Das IOC segnete in der peruanischen Hauptstadt Lima am Mittwochabend (MESZ) nur noch ab, worauf sich die Beteiligten schon vor Wochen geeinigt hatten: Nach den Sommerspielen in Tokio 2020 werden Paris 2024 und Los Angeles 2028 folgen.

Eingefädelt hatte diesen Deal IOC-Präsident Thomas Bach. Der Deutsche hatte die Idee einer Doppelkandidatur aus einer Notlage ins Spiel gebracht: In Boston, Rom, Budapest und Hamburg hatten sich die Standortkandidaten gleich in Serie zurückgezogen. Mit Paris und Los Angeles sicherte sich Bach zudem über sein Mandat hinaus zwei finanzkräftige Kandidaten. Und ganz nebenbei ersparte er der Welt eine IOC-Abstimmung, die nicht erst seit der Ermittlungen wegen Rio 2016 im Ruch des Stimmenkaufs steht.  

Zur Sicherheit hatten die Franzosen zuvor die Dienste des Bewerbungsagenten Mike Lee bemüht, der die Spiele schon nach London und Rio sowie die Fußball-WM nach Katar gebracht hatte. Der Brite sorgte unter anderem dafür, dass insgesamt 20 Besuchsdelegationen nach Paris und auf den Eiffelturm geschafft wurden, um die grandiose Perspektiven der Olympia-Kandidatur zu bewundern.

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Das wäre gar nicht mehr nötig gewesen nach dem vereinten Rückzug der Konkurrenz. Los Angeles ließ Paris zudem recht bereitwillig den Vortritt, da nach Rio und Tokio eher wieder ein europäischer Austragungsort angesagt war. Die US-Amerikaner erhalten dafür vom IOC 100 Millionen Dollar mehr als die Franzosen, nämlich 1,8 Milliarden. Sie waren allerdings auch später gestartet als Paris, das seit 2005 kandidiert hatte und für die Spiele 2012 gegen London schmerzvoll den Kürzeren gezogen hatte.   Jetzt kann Paris an die glorreichen Anfangszeiten der vom Franzosen Pierre de Coubertin lancierten Olympia-Idee anknüpfen. Die Seine-Metropole hatte nach Athen 1896 schon die zweiten Sommerspiele der Neuzeit im Jahr 1900 ausgetragen, dann nochmals 1924. Hundert Jahre später erhält sie nun erneut den Zuschlag.

Als Lehre aus all den Misserfolgen hatte Paris die Vorgaben des IOC peinlich genau eingehalten. Außer den – ohnehin gebauten – olympischen Dörfern für Sportler und Medienleute muss in Paris nur ein Wassersportzentrum völlig neu errichtet werden. Zwei Großstadien stehen bereits: Stade de France und Parc des Princes. Das Sportzentrum Roland Garros (Tennis) wird bereits ausgebaut. Und mit den Champs-Elysées, Versailles und der Seine – sie soll bis 2024 zum Schwimmen frei gegeben werden – bestehen diverse mehr oder weniger natürliche Stätten. Überdies profitiert Paris 2024 von einem längst beschlossenen, milliardenschweren Ausbau des öffentlichen Verkehrs, Grand Paris genannt.  

Die Pariser Spiele sind mit 6,6 Milliarden Euro geplant, klar weniger als 2012 in London (11 Milliarden). Bürgermeisterin Anne Hidalgo schwört, sie werde das Budget einhalten. Skeptiker der Rechtsopposition erinnern hingegen an den Bürgermeister von Montreal, der vor den Spielen 1976 erklärt hatte, er werde die finanziellen Vorgaben so sicher einhalten wie ein Mann keine Kinder gebären könne. Die Schlussrechnung fiel dann siebenmal höher aus. Seither wurden die Budgets Olympischer Spiele im Schnitt um 176 Prozent überschritten. "Durch welches Wunder soll es das französische Genie besser machen?", fragte ironisch ein Nein-Komitee. Gehör verschaffte es sich nie. Die Medien waren eingespannt für die Staatsräson, zu der die Olympia-Kandidatur nach den schmachvollen Misserfolgen mehr denn je gehörte. Heute sind 63 Prozent aller Franzosen für die Austragung der Spiele. Petitionen dagegen (wie in Budapest) wurden allerdings unterbunden; Volksbefragungen (wie in Hamburg) kamen gar nicht erst in Frage. Diese Art von direkter Demokratie ist nicht sehr französisch. Doch wäre sonst der Eiffelturm jemals gebaut worden?     

Autor: Stefan Brändle