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23. Juli 2012

Oma und Opa in der Manege

Im weltweit ersten Seniorenzirkus stehen Laienkünstler ab 60 Jahren im Scheinwerferlicht / .

  1. Seniorenzirkus Sylt Foto: Gaby Herzog

Am Anfang haben die beiden kleinen Schritte sie echte Überwindung gekostet. Jetzt sieht es ganz leicht und selbstverständlich aus: Ein zarter Hüpfer, ein Sprung – und schon steht Jutta Ullrich auf dem Vorderrad, lehnt sich zurück und lässt sich lächelnd durch das Rund der Manege fahren. "Ich fühle mich so jung und frei!", ruft sie.

Bis vor einigen Monaten hätte sich Jutta Ullrich nie zugetraut, wie gerade eben, auf ein fahrendes Rad aufzuspringen. "Ich wundere mich schon sehr über mich selbst", sagt sie und winkt übermütig. "Bin ich das?" Die Jutta, die als Kind immer ein bisschen hölzern und ungelenkt daher kam? Die Jutta, die seit 34 Jahren dafür sorgt, dass in der Buchhaltung des Parkettverlegebetriebes ihres Mannes alles rund läuft? Immer zuverlässig, höflich und pünktlich. Die 63-Jährige strahlt, sie breitet weit beide Arme aus und erinnert dabei ein wenig an Hollywood-Star Kate Winslet im Film Titanic. "Ich lerne mich von einer völlig neuen Seite kennen – und ich muss sagen, ich mag mich!"

Jutta Ullrich ist eine von 15 Teilnehmern im Seniorenzirkus "Mignon". Seit Herbst vergangenen Jahres wurde auf dem Gelände der alten Villa, an der Osdorfer Landstraße in Hamburg geprobt, ein Mal pro Woche, zwei Stunden. Anfang November war dann der große Tag, auf den sie alle hin gefiebert hatten – der erste Auftritt der Laienartisten vor Publikum.

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Martin Kliewer, der immer einen schwarzen Zylinder und Frack trägt und von allen "der Herr Direktor" genannt wird, hat das Projekt ins Leben gerufen. "Seit gut 20 Jahren arbeite ich schon mit Kindern und Jugendlichen", erklärt der 55-jährige Sozialpädagoge. "Es ist faszinierend, wie Akrobatik und Clownerie die Menschen verändern." Es löst Spannungen und Aggressionen, fördert Koordination und Beweglichkeit, steigert das Selbstbewusstsein und macht einfach glücklich. "Das ist doch nicht nur etwas für Kinder, das probieren wir auch einmal mit Senioren", dachte sich Kliewer und lud 2008 zu einem zweimonatigen Sommer-Workshop in den Mitmachzirkus am Strand von Sylt ein. Mit großem Erfolg. Mittlerweile hat sich auf der Nordseeinsel ein festes Team von 13 Artisten etabliert und vor einigen Monaten wurde ein "Ableger" in Hamburg gegründet. Jetzt träumen die Seniorenkünstler von einer Deutschlandtour.

Radakrobatin Jutta Ullrich hat in der Tageszeitung von dem Projekt gelesen. "Ich habe Zirkus schon immer geliebt und fand die Idee, selber dort aufzutreten wahnsinnig interessant. Und auch ein bisschen verrückt", sagt die zierliche Frau mit dem grauen Pagenkopf. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mein ganzes Leben immer nur funktioniert habe. Ich war immer für andere da. Meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse habe ich hinten angestellt." Es wurde Zeit, endlich einmal etwas nur für sich zu tun. "Ich wollte herausfinden, was noch in mir steckt. Aber gleichzeitig dachte ich: Was sollen sie in der Manege bloß mit dir anfangen?"

Einigermaßen pessimistisch rief sie bei Martin Kliewer an. "Ich habe überhaupt gar keine Bühnentalente, bin schüchtern und steif", gestand sie ihm frei heraus. Der lachte. "Kommen Sie trotzdem", sagte er. "Sie müssen nicht besonders lustig oder gelenkig sein. Die einzige Voraussetzung ist, dass Sie über 60 Jahre alt sind."

Während Jutta ihre Runden auf dem Kunstrad dreht, Kusshände ins imaginäre Publikum wirft und Figuren auf dem Lenker einstudiert, dringt von nebenan albernes Gelächter – die Clowngruppe. Zwischen bunten Requisiten aus schillernden Schmetterlingsflügeln, golden glitzernden Prinzessinnen-Kostümen und einer grünen Krokodilsmaske steht Claus Wessel und improvisiert. Pantomimisch stellt er einen verzweifelten Fahrlehrer dar. Das ist eigentlich allen klar, nur Erika, die links neben ihm auf einem Bistrostuhl sitzt, hat das irgendwie nicht begriffen. Anstatt die Rolle der Fahrschülerin zu übernehmen, am imaginären Lenkrad zu drehen, zu schalten und zu bremsen, verschränkt sie empört die Arme vor der Brust und macht ein böses Gesicht. "Du spielst da wohl den Ehekrach auf dem Rückweg vom Verwandtenbesuch", sagt Martin Kliewer, der die Runde leitet und grinst.

"Erika, das ist sehr schön, aber jetzt versuche doch bitte, etwas mehr auf Claus einzugehen." Clown sein, das sei viel mehr als sich einfach nur eine rote Nase aufzusetzen und drauflos zu blödeln, erklärt der Zirkusdirektor. Am Anfang sei das Ziel, dass jeder einen individuellen Charakter entwickelt, eine Figur, die zu ihm passt. "Wir wollen komisch sein, aber nicht lächerlich wirken, das ist ganz wichtig. Bei der Aufführung sitzen die Enkel im Zuschauerraum und sollen stolz auf Oma oder Opa in der Manege sein", sagt Herr Direktor. "Hier wird niemand vorgeführt. Vielmehr sollen die Senioren lernen, ihre Talente, aber auch ihr Unvermögen glanzvoll zu inszenieren." Unvermögen glanzvoll inszenieren, wie soll das gehen? "Unsere Senioren sind gestandene Persönlichkeiten", sagt Kliewer. "Jeder bringt seine Sichtweisen und kleinen Macken mit. Mit denen versuchen wir, liebevoll umzugehen."

Helga, die Hula-Hoop-Künstlerin aus dem Sylter Strandzirkus, zum Beispiel: Sie hat so viel Spaß auf der Bühne, dass sie ihre Nummer im Feuerreifen am Liebsten auf 20 Minuten ausdehnen würde. Das wollte der Herr Direktor dem Publikum nicht zumuten – doch Helga war von ihrem Können restlos überzeugt und nicht zu stoppen. Kurzerhand baute Kliewer Helgas Übermotivation in die Nummer ein. Während die alte Dame unverdrossen die Hüften schwingt, turnt ein tollpatschiger Clown auf die Bühne und setzt der Vorstellung ein Ende.

Oder Joachim, der Jongleur: Er hält sich für einen Profi mit den Keulen und konnte lange nicht ertragen, dass Herbert ebenfalls Talent hat. "Ständig hat er ihn kritisiert, hat die ganze Sache viel zu verbissen gesehen und ist uns damit allen auf den Keks gegangen", erinnert sich Kliewer. "Da haben wir diesen Tick zum Thema gemacht. Während die beiden Männer sich die Bälle zuwerfen, mäkelt Joachim jetzt laut Drehbuch an Herbert herum. Das ist urkomisch. Und mittlerweile kann Joachim auch über sich lachen."

Dass Zirkus verändert, hat auch Pantomime Claus Wessel erkannt. Der 70-Jährige hat als Controller in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet. "Im normalen Leben kann man ja nie so richtig aus sich herausgehen", sagt er. "Im Büro nicht, aber auch nicht zu Hause. Wenn ich mit meiner Frau ausgelassen rumalbern würde, dann hätte ich immer Sorge, was die Nachbarn von uns denken könnten." Dann rückt er seine runde goldene Brille zurecht und lässt die Augenbrauen tanzen. Als Junge in der Schule war er der Klassenclown und hat alle mit seinen Scherzen unterhalten. "Das hatte ich fast vergessen, jetzt schließt sich der Kreis."

Hans-Jürgen nickt. Die wenigen Haare, die ihm geblieben sind, stehen wirr auf seinem Kopf. Sein Lächeln ist fröhlich verschmitzt, so dass er eher aussieht, wie ein genialer Professor als ein klassischer Finanzbeamter, der im Alltagsleben ist. "Ich bin von Beruf ein Sesselpupser", verkündet er und widmet sich wieder dem Teller, den er auf einem dünnen Stab rotieren lässt.

Hans-Jürgen, der Finanzbeamte, Claus, der Controller, Erika und Jutta, die Bürokauffrauen, Ärzte, eine Psychologin, zwei Hausfrauen, ein ehemaliger Landtagsabgeordneter der Grünen, eine Millionärsgattin – die Zirkus-Crews in Hamburg und auf Sylt sind nicht nur, wenn sie in ihren Kostümen auf der Bühne stehen, ein bunter Haufen. Aber genau das macht für Jutta den Reiz aus. "Je oller, je doller, wenn’s Spaß macht – warum nicht? Endlich lerne ich ganz andere Leute kennen. Uns verbindet die Lust, etwas Verrücktes zu machen. Die Leute hier sind völlig anderes als die Damen aus meinem Yogakurs."

Da kommt Erika, die gescheiterte Fahrschülerin, in den Raum. Yoga ist ihr Stichwort. "Meine Kinder sind aus dem Haus und jetzt gehe ich bald in Rente", sagt sie. "Damit ich nicht in ein Loch falle, habe ich mir präventiv ein Hobby gesucht und mit Qi Gong angefangen. Da habe ich schnell gemerkt: Dieses Meditative, Langsame ist nichts für mich. Zirkus ist kurzweilig und hält gleichzeitig fit." Vor jeder Probe wärmen die Senioren sich auf. Kniebeugen, auf einem Bein stehen, dehnen und strecken. "Jedes Mal merke ich, wie ich ein kleines bisschen beweglicher werde", sagt Erika und tippt sich an die Stirn: "Nicht nur in den Gelenken, auch im Kopf."

Mehr Infos zum Seniorenzirkus im Internet unter http://www.circus-mignon.de

Autor: Gaby Herzog