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06. August 2012

Stimmen-Festival in Augusta Raurica

Orpheus - der Mythos lebt

Das "Stimmen"-Festival widmet sich in Augusta Raurica Orpheus musikalisch und tänzerisch.

  1. Uraufgeführt: „Canto per orfeo“ von Aterballetto Foto: Jury Junkov

Was macht einen antiken Mythos durch die Epochen und alle gesellschaftlichen Dikurse bis in die Gegenwart spannend? Woher rührt dieser Zauber? Solchen Fragen widmet sich das Lörracher "Stimmen"-Festival zum Abschluss des diesjährigen Programms in der Eigenproduktion "stella orfeo" im antiken Römertheater in Augusta Raurica im Kanton Baselland – und natürlich geht’s da um die Strahlkraft jenes Mythos, der sich als Schwerpunkt durch die "Stimmen 2012" zog: Orpheus – jene griechischen Sagengestalt, die den Lauf der Dinge, das Schicksal, mittels der Kraft ihrer Stimme, dank der Kunst ihres Gesangs, in ihrem Sinn wenden konnte – zumindest für ein paar Augenblicke.

Die antike Allmachtsphantasie, die Orpheus auch zum Archetyp moderner Künstler erhob, lieferte Claudio Monteverdi schon im frühen 17. Jahrhundert den Stoff für die Oper "L’Orefo"; der deutsche Komponist Hans Werner Henze erzählt in dem 1985 uraufgeführten Werk "Orpheus Behind the Wire" (Orpheus hinter dem Stacheldraht) eine aktuelle Version des Mythos, und der Italiener Mauro Bigonzetti nutzt die Legende von der Kraft der Liebe(nden) als Steinbruch für seine Choreografie "Canto per orfeo". Das Stimmenfestival reiht diese Interpretationsstränge in "stella orfeo" in der antiken Architektur in Puzzlemanier aneinander. Und das Herzstück dieses Puzzles ist Bigonzettis uraufgeführte und vom Festival gemeinsam mit der italienischen Fondazione Nazionale della Danza produzierte Choreografie.

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Da huschen weiß gewandete Gestalten von den Rändern ins Rund der Arena, kauern hinter den da verteilten Fässern (Bühnenbild: Carlo Cerri); eine Gestalt aber setzt sich ab von der amorphen Masse, klettert auf ein Fass, erzeugt mit einem Akkordeon schmelzende Klänge – ein Bild, das zum Schluss mit veränderten Vorzeichen und den Weltschmerz-Tönen des diatonischen Akkordeons wiederkehrt. Dazwischen erzählen die 18 Tänzer und Tänzerinnen der Compagnia Aterballetto in ausdrucksstarken Szenen, die die Bewegung in orfeische Gesänge verwandeln, ihre Version des Mythos – unterstützt von der kongenialen, an italienischer Folklore orientierten Live-Musik des Trios Kitarodia um Antongiulio Galeandro (Akkordeon), Cristina Vetrone (Akkordeon, Gesang) und Lorella Monti (Gesang, Rahmentrommel).

Zerstückelte Radiosounds, gleichsam Morsezeichen aus anderen Sphären, leiten nach dem Prolog auf dem Fass die Bewegungsspiele ein. Im Wechsel von Massenszenen, Solos, Pas de deux oder Pas de trois durchmisst das Ensemble Gefühlswelten – Liebe, Leidenschaft und Hingabe, Trauer, Wut, Verzweiflung, Hoffen. Da entstehen Kreise, aus denen sich Orpheus und Eurydike herausschälen, Bewegungsketten, die wie in anderen Bigonzetti-Stücken zwischen Kollektiv und Individuum oszillieren, die mal das quirlige Aroma einer italienischen Piazza mit Partystimmung verbreiten, mal in Melancholie versinken, dann zur explosiven Zeremonie werden, in der die Fässer in Schwingung geraten und kreiseln.

Da verknäulen sich Körper und entwirren sich wieder, werden zerlegt in Einzelteile und neu komponiert; da entstehen geometrische Körperfiguren. Die Szenerie entwickelt sich – zumal im Dunkel und mittels eingespielter Projektionen – zu einem Fluidum, das Assoziationsräume aufstößt, ohne sich auf eine Interpretation festzulegen. Eine furiose Choreografie, der das sonnengetränkte Abendlicht am Premierenabend und die einsetzende Dämmerung in der antiken Kulisse zusätzliche Effekte bescheren.

Fritz Näf und seine Basler Madrigalisten haben es etwas schwer, als Kontrapunkt zu diesem faszinierenden Spektakel einen ebenso nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Gleichwohl gelingt es dem mit acht Instrumentalisten und vier Solisten verstärkten Chor im Exkurs in Monteverdis Orpheus-Rezeption, in wenigen Auszügen die Qualitäten des Werkes transparent und plastisch zu verklanglichen; selbst wer wenig weiß von Orpheus, findet die emotionalen Dimensionen der mythischen Geschichte anschaulich gespiegelt – zumal die antike Architektur und das Gelände geschickt eingebunden sind in die Szenerie und sich der Chor vom kultischen Hügel hinter dem Theater in Etappen vortastet in dessen Arena.

Hans Werner Henzes "Orpheus behind the Wire", eine vom Widerstand gegen die argentinische Militärdiktatur in den 70er und 80er Jahren inspirierte Komposition, kontrastiert die Liebesgeschichte von Orpheus und Eurydike in einem letzten harten Schnitt mit den Geschichten Gefangener, Verschwundener und politischer Massenmorde. Die a cappella im Rücken des Publikums von oben wie scharfkantiges Geröll in den abgedunkelten Trichter des Theaters auf die leere Bühne rollenden zeitgenössischen Gesänge erzeugen mit ihrem abgrundtiefem Ernst, der Bitterkeit und dem Klagen gequälter Kreaturen bis zum Traum der Freiheit als utopischem Schlusspunkt ein letztes Schaudern. Der Mythos lebt: Diese Botschaft kommt in jedem Fall an.


– Eine weitere Aufführung am heutigen 6. August, 20.30 Uhr, Augusta Raurica, Augst, Kanton Baselland. BZ-Karten- ser- vice: Tel. 0761/4968888

Autor: Michael Baas