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02. August 2012

Orpheus lässt die Fässer tanzen

"stella orfeo": Das Lörracher Stimmenfestival versucht den antiken Orpheus-Mythos mit zeitgenössischen Aromen anzureichern.

  1. Aus „Canto per Orfeo“ Foto: Pro

Für Niggi Ullrich ist der Orpheus-Stoff nicht nur ein antiker Mythos. Im Gegenteil: Dem Kulturreferenten das Kantons Baselland begegnet die Substanz der Sage von dem Sänger, der in die Unterwelt stieg, um seine Geliebte Eurydike zurückholen, heute auf vielen gesellschaftlichen Ebenen. "Orpheus ist nicht nur Mythos, das ist ein Hit", fasst er die Beobachtungen zusammen. Da setzen auch der Choreograf Mauro Bigonzetti und sein Bühnenbildner Carlo Cerri mit ihrem "Canto per Orfeo" an. Die Choreografie will den "Duft des alten Griechenland" mit gegenwärtigen Aromen vermischen, "populäre Aspekte" des Mythos’ erfahrbar machen, schildern beide vor Medien im alten Römertheater Augusta Raurica. Da wird das Stück als Teil der Stimmen-Produktion "stella orfeo" zum Abschluss der "Stimmen 2012" uraufgeführt.

Die zwei Italiener orientieren sich für ihren "Canto" zunächst an einer weiteren antiken Sage, und zwar an Prometheus: "So wie dieser den Menschen das Feuer brachte, schenkte Orpheus ihnen die Musik", erklärt Cerri den Ansatz. Damit aber habe er der Menschheit einen Spiegel zum Blick in die eigene Seele an die Hand gegeben. "Da, wo der Mensch die Musik entdeckt, hat er seine Seele entdeckt", erläutert Cerri. Die wiederum dränge dann in vielen Formen aus den Tiefen an die Oberflächen. Orpheus wird so nicht nur zum Archetyp des Künstlers, der sein Inneres nach Außen wendet, sondern zum Inbegriff von Liebe, Leidenschaft und Tod und damit von "Themen, die uns alle betreffen", so Bigonzetti.

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Diese Betroffenheiten entwickeln der Choreograf, der wiederholt am Theater Basel gearbeitet hat und regelmäßig Gast ist im Lörracher Burghof, und das 20-köpfige Aterballetto in einem vom antiken Mythos geografisch abgekoppelten Raum. So besteht das Bühnenbild aus rostigen Ölfässern. Diese sind Symbol und Metapher für die Unterwelt, aber auch eine Chiffre für Macht und Geld: Denn Erdöl liegt nicht nur tief in der Unterwelt im Erdinneren, es ist auch begehrt – so wie Eurydike für Orpheus. "Die Fässer enthalten das Blut der Erde", betont Cerri mit der italienischen Vorliebe für Bilder denn auch. Daran dockt der "Canto" ein ganze Reihe existenzieller Fragen an – angefangen von den Ambivalenzen des Daseins bis zur Verführbarkeit. Die Gesellschaft sei, wie Orpheus, zu leicht verführbar, skizziert Cristina Bozzolini den Strang. Denn jeder wolle alles sofort haben, erläutert die künstlerische Leiterin des Ensembles Verpackt aber werden solche Botschaften als "Spektakel" (Cerri), das weit über Tanz hinausgeht – was nicht wundert, wirkt der Titel, "Gesang für Orpheus", doch schon wie ein ironischer Kontrapunkt für eine Choreografie, die laut Definition zunächst mal Bewegung ist. Zwar bleiben "die Körper der Hauptdarsteller", betont Bigonzetti, aber Licht und Musik spielen ebenfalls eine wichtige Rolle und letztlich "werden auch die Fässer tanzen", kündigt Bozzolini an.

Zudem gibt’s noch den "anderen Teil" (Ullrich): die Stimmen. Den Part übernehmen die Basler Madrigalisten unter Leitung von Fritz Näf. Das auf Alte und Neue Musik spezialisierte Vokalensemble wird als Prolog und in drei Ausschnitten aus Claudio Monteverdis Oper "L’Orfeo", einem musikalischen Prototyp der Orpheus-Bearbeitung aus dem frühen 17. Jahrhundert die Grundhaltung der Oper herausarbeiten – beginnend mit der freudigen Stimmung nach Orpheus’ Hochzeit über die Klage nach Eurydikes Tod bis zu Orpheus’ Erlösung am Ende, erläutert Fritz Näf. Nach der Choreografie folgt mit Hans Werner Henzes 1985 uraufgeführtem "Orpheus behind the Wire" ("Orpheus hinter Stacheldraht") dann ein zeitgenössischer Epilog, ein weiterer Kontrast. Der politisch bewusste, aktive Komponist verarbeitet in dem Stück Eindrücke der argentinischen Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 und setzt den "Madres de la Plaza de Mayo" ("Mütter des Platzes der Mairevolution"), die Auskunft über das Schicksal ihrer verschwundenen Kinder forderten, ein Denkmal. Ein "expressives Melodram für die Verschwundenen", nennt es Fritz Näf.

Ob die drei Teile als "stella orfeo", als strahlender Stern des Orpheus, ein Ganzes ergeben, wird sich zeigen. "Der Raum gehört der Musik, die Szene den Tänzern", sagt Ullrich dazu. Für Stimmenchef Helmut Bürgel steht allemal fest, dass sich sein Festival mit der Produktion erneut abhebt aus der Festivallandschaft, etwas Besonders bietet, "Mehrwert produziert", wie er sagt.
– "stella orfeo", 3. bis 6. August, je 20.30 Uhr, Augusta Raurica, Kanton Baselland. BZ-Kartenservice 0761/4968888.

Autor: Michael Baas


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