Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
07. Februar 2012
Die Meinungen sind gespalten
Podiumsdiskussion über die neue Grundschulempfehlung / Verantwortliche vermuten noch mehr Zulauf für die Realschulen.
OFFENBURG. Die mit der "neuen Grundschulempfehlung" praktizierte Verlagerung der Entscheidung über den weiteren Schulweg eines Kindes von der Lehrerschaft auf die Eltern wird nicht durchweg begrüßt. Dies zeigte eine Veranstaltung in der Theodor-Heuss-Realschule Offenburg. Eingeladen hatte der Arbeitskreis der Ortenauer Elternbeiräte, dessen Vorsitzende Ellen Janka durch die Diskussion führte.
"Ich finde es nicht gut, dass die Eltern entscheiden", erklärte ein Besucher. Die Empfehlung der Lehrer in der neuen Form sei im Prinzip gegenstandslos, wenn die Eltern eine andere Vorstellung hätten. Einige Besucher befürchten durch die neue Praxis überlaufene Realschulen und eine Überlastung der Lehrkräfte. "Stehen denn genug Stunden für Unterstützung der Kinder bereit, die an ihre Grenzen kommen?" wurde gefragt, und: "Wie sieht es aus mit der Durchlässigkeit, falls ein Kind es nicht schafft?"Was während der Podiumsdiskussion eher verhalten angeklungen war, wurde beim lockeren Plausch im Anschluss an die Diskussion zum Gegenstand der Gespräche: Elternehrgeiz, der das Kind überfordert.
Werbung
Gabriele Weinrich und Doris Maisenbacher vom Staatlichen Schulamt Offenburg erklärten die Handhabung: "Die Grundschulempfehlung gibt es noch, aber sie ist nicht bindend." Nach Ausgabe der Empfehlung folgt ein Gespräch zwischen Lehrer und Eltern. Es soll den Entwicklungsstand des Kindes, seine seelische Verfassung, seine Vorliebe, Stärken und Schwächen zum Inhalt haben. Die Idee ist, im Gespräch einen Konsens über den für das Kind sinnvollen weiteren Schulweg zu finden. Für Gunther Merz, Rektor der Grundschule Hofstetten, ist das der Knackpunkt: "Wenn es zwischen den Lehrkräften und den Eltern einen stetigen, vertrauensvollen Austausch über das Kind gibt, wird es hier zu keinen Kontroversen kommen."
Entscheidend ist, dass die Eltern das letzte Wort haben. Sie entscheiden, welche Schulart ihr Kind fürderhin besuchen wird, und sie entscheiden auch, ob die neue Schule Kenntnis von den bisherigen Noten und von der bisherigen Entwicklung ihres Kindes erhält. Laut Gabriele Weinrich sei ein Austausch zwischen alter und neuer Schule gut für das Kind – aber die Entscheidung darüber liege bei den Eltern. Diese erhalten eine Bescheinigung, dass ihr Kind die 4. Klasse absolviert hat. Sie verbleibt nach der Anmeldung bei der neuen Schule. Wollen sich die Eltern umentscheiden, müssen sie diese Bescheinigung wieder abholen. Damit soll gewährleistet werden, dass Eltern ihr Kind nicht auf mehreren Schulen gleichzeitig anmelden. "Das würde uns die Planung des Lehrerbedarfs unmöglich machen", so Weinrich. Auf dem Podium klang an, dass durch das neue Modell die Schülerzahlen auf der Hauptschule und der Werkrealschule noch stärker abnehmen könnten.
Laut Ingeborg Schöffel-Tschinke vom Landesschulbeirat seien 90 Prozent der "alten" Grundschulempfehlungen zutreffend gewesen. Auch sie fürchtet eine Überforderung der Realschulen durch Kinder, für die dieser Schulweg von ihrem Entwicklungsstand her nicht geeignet sei. Sandra Boser, regionale Landtagsabgeordnete der Grünen, verteidigte den Übergang der Entscheidung auf die Eltern. Die alte Grundschulempfehlung habe für viel Druck auf die Schüler gesorgt. Mit dem neuen Recht wolle man die Belange der Eltern stärken, sie aber nicht allein lassen. Deshalb gebe es das Beratungsgespräch.
Im Zusammenhang mit überforderten Realschülern sprach Wolfgang Bahr, Rektor der Theodor-Heuss-Realschule, allerdings von "beratungsresistenten Eltern". Sorge bereite vielen Eltern eine mögliche Überfüllung ihrer Wunschrealschule. Hier habe man Pläne, mit Außenklassen zu arbeiten. "Wenn eine Realschule räumlich keine Reserven mehr hat, könnte eine Realschulklasse in die Räume einer Hauptschule ausweichen." Die Lehrerversorgung lasse sich sicherstellen.
Generell wird erwartet, und das zeigte die Diskussion deutlich, dass durch die neue Praxis die Anmeldungen für Realschulen stark ansteigen.
Autor: Robert Ullmann
