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24. Dezember 2011
Ihr Heiligabend ist der 5. Januar
In Kehl leben 130 armenische Familien, die ihre Jahrhunderte alten christlichen Traditionen pflegen.
KEHL. Wenn in vielen Familien der armenischen Gemeinde Kehl am heutigen Samstag, 24. Dezember, Geschenke an die Kinder verteilt werden und man sich zu einer Weihnachtsfeier trifft, dann ist das ein Ergebnis der Anpassung an die hiesigen Gebräuche. "Wir armenischen Christen feiern Weihnachten am 6. Januar, unser Heiliger Abend ist der Abend davor, also der 5. Januar", erklärt Hayik Parlar, der Vorstand der armenischen Gemeinde in Kehl - der einzigen armenischen Gemeinde im gesamten badischen Raum. Parlar: "Es gibt auch in Karlsruhe, Freiburg und Lahr armenische Familien, aber keine Gemeinde."
Gegründet wurde sie 1980. In den 1970er Jahren kamen die ersten Westarmenier als Gastarbeiter aus der Türkei nach Kehl. Die meisten arbeiteten beim Wohnwagenhersteller Bürstner. Verwandte und Freunde kamen nach. Heute leben rund 130 armenische Familien in Kehl sowie weitere Familien in Rheinau, die gleichfalls zur Kehler armenischen Gemeinde gehören. Sie ist demokratisch organisiert, die Vorstandschaft wird alle drei Jahre neu gewählt.
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"Es stimmt, unsere Gottesdienste sind etwas anders", bestätigt Parlar. Was die Armenier auszeichne, sei der starke Familienzusammenhalt. Dazu gehöre nicht nur die engere Familie, sondern auch Cousins und Cousinen aller Grade. Parlar: "Wir feiern gern – und wir feiern auch laut." Am liebsten mit Musik und Tanz.
Vor dem Weihnachtsfest am 6. Januar steht bei den Kehlern armenischer Abstammung noch ein anderes großes Fest an: Silvester. Dazu wird eigens eine Halle gemietet. "Damit alle Verwandten Platz haben – denn irgendwie ist man immer miteinander verwandt", scherzt Parlar. Weihnachten – "Surb Znund" auf Armenisch – wird in etwas kleinerem, aber immer noch großem Rahmen gefeiert. Meist gibt es Lamm oder Truthahn. Was nie fehlt: Anusch Abur, eine Süßspeise aus Trockenfrüchten. Dazu gehören unbedingt Aprikosen, neben dem Granatapfel die Nationalfrucht der Armenier. An Weihnachten beschenkt man sich gegenseitig und stellt einen Christbaum auf. Krippen dagegen sind eher unüblich.
Dass Armenier über die ganze Welt verstreut sind, hat mit Ereignissen während des Ersten Weltkrieges zu tun. Zwischen 1915 und 1917 wurden viele Armenier ermordet und vertrieben. Die Ereignisse von damals sind noch immer nicht aufgearbeitet und bewältigt, wie der Blick auf die Schlagzeilen mit der aktuellen Verstimmung zwischen Frankreich und der Türkei um den Begriff "Genozid" zeigt.
Eine wichtige Rolle spielt auch der Sport, erklärt Hayik Parlar, etwa der armenische Fußballverein "Ler Kehl". Der Verein spielt in der Kreisliga B, Staffel 1, und steht auf Platz eins mit besten Aufstiegschancen. Trainer Vaucan Kuscu ist – wie könnte es anders sein – ein Cousin. "Wir gehen auf den Fußballplatz, auch wenn unsere Mannschaft nicht siegt", sagt Parlar. "Für uns ist das eine weitere Möglichkeit, sich mit Verwandten und Freunden zu treffen." Wenn Arthur Abraham – er ist armenischer Abstammung – am 14. Januar in Offenburg boxt, werden sie alle mit in der Halle sein, die Kehler Armenier. Parlar: "Das ist ein Riesenereignis für uns." Jüngst, bei einem Treffen der Gemeindemitglieder, war der Kampf Gesprächsgegenstand. "Ich habe gefragt. Wir haben alle schon Eintrittskarten!" Auch einen Weihnachtswunsch hätte die armenische Gemeinde Kehl: "Ein Treffen mit Artur Abraham – das wäre toll!" Und scherzt: "Wer weiß, vielleicht ist er ein Verwandter?"
Autor: Robert Ullmann


