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11. September 2017

Kontroverse Positionen beim Milchbauernabend

Im Rahmen der 925-Jahr-Feier in Hausach-Einbach war die Zukunft der Landwirtschaft Thema einer Wahl-Podiumsdiskussion.

  1. Soll keine Einbahnstraße sein: Um Milchwirtschaft ging es in Hausach-Einbach. Foto: Schneider

HAUSACH. Ein gut besuchtes Festzelt erwartete die fünf Diskutanten am vergangenen Freitag zum baden-württembergischen Milchbauernabend im Rahmen der 925-Jahr-Feier der Stadt Hausach, Ortsteil Einbach. Romuald Schaber, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter, stimmte mit seinem Einführungsvortrag in den Abend ein, der vom BDM-Landesvorsitzenden Karl-Eugen Kühnle moderiert wurde. Für Schaber ist "Landwirtschaftspolitik das Herzstück der Gesellschaftspolitik". Der Milchpreis für Bauern müsse deutlich über 50 Cent liegen; von 27/28 Cent im Jahre 2016 sei man jetzt bei 35 Cent (48 für Biomilch) angekommen. Man lebe aber von der Substanz. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Zahl der Milchbetriebe halbiert. Im Schwarzwald mit seinen Steillagen bestehe eine schwierige Situation, deshalb sei Unterstützung notwendig. Die Abschaffung der Milchquote 2015 sei eine Fehlentscheidung der Politik gewesen, die Überbrückungskredite hätten das Problem nicht gelöst, sondern zur Mehrproduktion geführt, 420 000 Tonnen Magermilchpulver lägen auf Lager. Schaber plädiert für ein dreistufiges Kriseninstrument: Den Anreiz zur Lagerhaltung zu unterstützen, auf freiwilliger Basis die Milchmenge zu reduzieren und eine zeitlich befristete obligatorische Mengenkürzung.

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Der Butterpreis sei praktisch seit den 70er-Jahren bis vor kurzem gleich geblieben. Neuseeland könne dank günstiger klimatischer Verhältnisse Milch billiger produzieren und wolle die Welt damit versorgen. "Zunächst zerstören wir uns selber und dann die Drittländer", so sein Fazit. Zur Eröffnung der Diskussion bekam jeder Diskutant 200 Gramm Milchpulver überreicht, später jeweils ein Glas Milch und am Ende einen abgepackten Liter.

Nicht alle Kandidaten folgten der Forderung der Milchbauern: Trutz-Ulrich Stephani, Bundestagskandidat der FDP im Wahlkreis Offenburg, findet einen Milchpreis von 35 Cent pro Liter in Ordnung. Wenn es nicht anders gehe, müsse man aufhören, empfahl er. "Stellen Sie sich auf andere Zeiten ein", war sein Schlusswort.

Kordula Kovac aus Wolfach, CDU-Bundestagsabgeordnete, stellte klar, dass man nicht alles regulieren könne – man solle sich zusammensetzen und die Dinge gemeinsam regeln. Sie plädiert für die gläserne Landwirtschaft, und dafür, die Menschen für den Kauf regionaler Produkte zu gewinnen.

Aus der Praxis konnten die übrigen Diskussionsteilnehmer schöpfen: Jens Löw, Förster und Schafzüchter im Brigachtal, ist Bundestagskandidat der SPD im Schwarzwald-Baar Kreis. Er will die Politik als steuerndes Modul nutzen. Der Milchpreis stehe symbolisch für alle landwirtschaftlichen Produkte. Es könne nicht sein, dass die Bevölkerung denke, die Bauern würden alimentiert. Man brauche vernünftige Stundenlöhne, denn die Bauern leisteten gute Arbeit. Auch sei ihm unerklärlich, warum EU-Richtlinien in verschiedenen Mitgliedsländern unterschiedlich umgesetzt würden.

Martina Braun aus Furtwangen, Landtagsabgeordnete der Grünen, ist selbst Bäuerin und stellte erst einmal richtig, dass Kühe keine Schrauben seien: Klimatische, topographische und familiäre Umstände müssten in der Landwirtschaft im Vergleich zur Industrie berücksichtigt werden. Von einer Reise nach Irland berichtete sie, dass dort eine Steigerung der Milchproduktion um 50 Prozent für den deutschen Markt geplant sei. Es sei ein Irrglaube, dass im Wachstum der Segen liege. Das Verhältnis zu Lebensmitteln müsse in Deutschland anders werden. In Frankreich koste die Milch mehr als in Deutschland, weil die Franzosen Lebensmittel höher bewerten würden.

Karin Binder, Bundestagsabgeordnete für die Linke für Offenburg, will die Rechte der Bauern gegenüber den Verbrauchern stärken. Sie setzt auf Erziehung und mehr Aufklärung darüber, dass Lebensmittel wertvoll sind. Frische stehe gegen das Weltmarktprinzip. Die Bauern nach Fläche zu unterstützen sei "völliger Blödsinn." Sie befürworte ein Grundgehalt für Landwirte, "für das, was nebenher noch so geschafft wird" – die Offenhaltung der Landschaft etwa und die Bewirtschaftung von Steillagen.

Autor: Wendelinus Wurth