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29. Juni 2012

Nackenschlag für Haiti-Großprojekt

Neue Nationalstraße verdrängt Waisenhaus und Schule / Umsiedlung leert die Vereinskasse / Hilfe soll aber weitergehen.

  1. haiti Foto: bz

  2. Foto: bz

ORTENAU (obe). Schlimmer hätte es kaum kommen können: Das Ortenauer Haiti-Hilfsprojekt "Pwojè men kontre", das nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 aus der Taufe gehoben wurde, muss weichen. Die Nationalstraße für den Karibikstaat soll plötzlich direkt an die Unterkünfte des Vereins gebaut werden. "Wir haben gekämpft, aber es ist zwecklos, wir können gegen mächtige Unternehmen nichts ausrichten", erklärt die Vorsitzende des Vereins, Anke Brügmann.

Seit der Gründung hat der Verein – mit Sitz in Wolfach – eine Spendensumme in Millionenhöhe bekommen. Ein Großteil wurde nach Haiti überwiesen. Nun droht der Umzug die Reserven aufzufressen. Spenden fließen indes weiter. "Auch die Spendenbereitschaft aus der Ortenau ist nach wie vor hoch", erklärte Sprecherin Ute Arndt gegenüber unserer Zeitung. 2011 seien 210 000 Euro eingenommen worden, 228 000 Euro wurden nach Haiti überwiesen. Auf der hohen Kante habe man aktuell noch etwa 500 000 Euro. Doch der Umzug mit notwendigen Neubauten könne alles verschlingen.

"Wir warten. bis die Bagger vor der Tür stehen", verdeutlicht Arndt. In einem Land wie Haiti wisse man nie, ob es vielleicht noch eine Wende gibt. Dass die Nationalstraße nun das Haiti-Projekt verdrängt, verdeutlicht die Verhältnisse im Land. Eigentlich sei eine Umgehung geplant gewesen, doch aus unerfindlichen Gründen sei das Geld ausgegangen.

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Nun müsse der kostengünstigere und rücksichtslose direkte Weg genommen werden. Kopfschütteln herrschte auch jüngst bei der Jahresversammlung des Vereins "Pwojè men kontre". Auch mit einer Entschädigung sei nicht zu rechnen. "Unsere Gebäude werden ja nicht eingerissen", so Anke Brügmann, die von "einer riesigen Katastrophe" spricht. Die Straße überrollt das Areal des Vereins nicht, sondern streift es nur.

Eine Nationalstraße in Haiti entspreche etwa einer deutschen Autobahn, "aber mit Absicherung und Infrastruktur eines deutschen Feldwegs". Lärmschutz gebe es nicht, an Schlaf sei nicht mehr zu denken. Lebensgefahr bestehe für die Schüler. "Kinder ab vier Jahren kommen täglich zu Fuß an dieser Straße auf einer Strecke von zehn Kilometern zu uns in die Schule." Wenn die großen Trucks vorbeifahren, sei erfahrungsgemäß auch kein Unterricht mehr möglich. Aktuell sind 75 Kinder im Waisenhaus und 250 in der Schule untergebracht. Der Umzug wurde bei der Mitgliederversammlung beschlossen. Man sei in der kommenden Zeit mehr denn je auf ehenamtliche Helfer aus dem Baubereich angewiesen.

Für den geschützten Raum abseits der Stadt Beaumont sei die Nationalstraße der Todesstoß. Der Standort bleibe dennoch erhalten. Dort werde man alles ansiedeln, was man sonst in den nächsten Jahren anderswo hätte bauen müssen: Produktions- und Werkstätten, Lager und Wohnraum für junge Erwachsene, Sekundärschüler und Lehrlinge. Auch die Weiterverarbeitung der immer mehr produzierten Lebensmittel könne hier Platz finden, etwa die Maniok- und Erdnussverarbeitung. Ein neues Gelände für Schule und Waisenhaus bei Beaumont habe man in Fon Trankil ("Stiller Grund") ausgemacht. Der Geländekauf und die Neubauten könnten die Rücklagen kosten. Anke Brügmann gibt sich trotz allem kämpferisch: "Es wird bei uns weitergehen."

Haiti-Hilfsprojekt: Weitere Infos unter http://www.menkontre.de

Autor: obe