Tanz

Ozeanische Einsamkeit

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 30. Juni 2017 um 12:29 Uhr

Theater

"George": Eine Tanzperformance im E-Werk Freiburg

Alles so schön bunt hier. Rot grün gelb türkis. Bloß nicht die Depressionsfarbe Schwarz. Die bedeckt zwar den Boden des Kammertheaters im Freiburger E-Werk, aber sie glänzt und spiegelt immerhin. Die Lackfolie zieht sich auch über ein Podest mit drei großen Stufen, auf denen ein bunt gemustertes Trio nebeneinander in ganz relaxter Haltung sitzt. Leise melodische Klaviermusik sorgt für eine angenehme Stimmung. Doch dann kommt George. Durch eine Öffnung im Podest windet sich ein rot vermummtes Wesen auf die Bühne. Es ist die Schweizer Tänzerin mit griechischen Wurzeln Elena Morena Weber, die erstmals mit der Freiburger Performancegruppe OFF deluxe zusammenarbeitet. George ist eine Hunderte von Jahrmillionen alte Riesenschildkröte, die schon viel zu lange auf der Welt ist, um noch leben zu wollen. Doch der aller einsamste George darf nicht sterben, so sehr er es sich auch wünscht.

Der von Tom Schneider szenisch eingerichteten Performance liegt der Text "Trauer & Melancholie" des 1987 Berlin geborenen deutsch-koreanischen Autors Bonn Park zugrunde. Der junge Dramatiker hat schon erstaunlich viele Preise gewonnen, den Else-Lasker-Schüler-Preis für "Trauer & Melancholie" und den Preis des Stückemarkts auf dem Berliner Theatertreffen. Bei der Uraufführung von "Das Knurren der Milchstraße" am Theater Bielefeld in der nächsten Spielzeit führt Park zum ersten Mal auch selbst Regie.

Die drei auf den Freiburger Stufen – Isabella Bartdorff, Tobias Ergenzinger und Anna Shumaylova – berichten ungerührt mit schneidenden Stimmen von Georges ozeanischer Einsamkeit, während Elena Morena Weber unter ihrer roten Daunenweste allmählich zum Leben erwacht. Dass George in anderen Zeit- und Weltdimensionen zu Hause ist, zeigt ihre Choreografie eindrucksvoll mit verlangsamten, wie in sich selbst verhakelten Bewegungen. Wenn die Tänzerin virtuos auf den Fußkanten balanciert, ist sie immer im Begriff zu stürzen. Eine prekäre Existenz, Gegenmodell zur zielgerichteten Erfolgsorientierung unserer Tage. George will nirgendwo hin, kreist um und in sich, verschränkt die Glieder, zieht sich zum Knäuel zusammen – und entzieht sich in einer ziemlich kleinen Pappkiste den Blicken der Welt. Doch seine Beobachter und Kommentatoren auf der Bank, dieses brutal gleichmütige Völkchen, gefangen in Hier und Jetzt, mit Stöpseln im Ohr, lässt ihn nicht in Ruhe. Legt sich ihm Auge in Auge gegenüber und sogar auf seinen Rücken, schleift den Willenlosen an den Füßen über den Boden, richtet ihn auf wie eine Marionette, zerrt ihm die Gesichtsmuskeln zu einem grimassierenden Lächeln auseinander. Alles so schön bunt hier. . .

Schließlich wird der arme George, den Elena Morena Weber mit schreckhaft aufgerissenen Augen starr in eine unbestimmte Weite schauen lässt, mehr ab- als anwesend, mit einem Regen aus bunten Styroporkügelchen überschüttet. That’s Entertainment! Aber nicht für George. Wie die Tänzerin sich Gesicht und Arme mit dunkler Farbe einreibt, wie sie wieder und wieder hinfällt auf die weiche luftige Masse und einzelne Bollen an ihren Armen, in ihrem Gesicht haften bleiben: Trostloser könnte Spaß nicht sein. Das Schlussbild dieses bemerkenswerten und sehr besonderen Abends wirkt lange nach.

Weitere Termine: 21. bis 23. September, Bühne S, Zürich