Paganinis Caprice Nummer 25

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 11. Oktober 2018

Klassik

"Echt jetzt?" Das Freiburger ensemble recherche stellt musikalisch die Frage nach Wirklichkeit.

24 Capricen für Solovioline hat der Geiger Niccolò Paganini (Jahrgang 1782) komponiert, allesamt höllisch schwere Virtuosenstücke. Die – imaginäre – Nummer 25 heißt Psychogramm I "Jaigatós", stammt von dem ungarischen Komponisten Márton Illés (Jahrgang 1975) und ist überdies geschrieben für die große Schwester der Violine, die Viola. "Echt jetzt?"

Mit dieser Fragestellung leitet das ensemble recherche seine neue Freiburger Saison im gut besuchten Morat-Institut ein – als "unser Spielchen mit der Wirklichkeit" (Programmuntertitel). Natürlich kann man fragen, ob Márton Illés denn Paganinis Werke und andere Virtuosenliteratur im Sinn hatte, als er diesen zehnminütigen "einzigen neurotischen Anfall" (Selbstcharakterisierung) schrieb. Aber Musik ist stets ein akustischer Assoziationskosmos, und dieses Stück eines unheimlichen Getriebenseins mit seinem gebrochenen Ton, seinen irrsinnigen Läufen, oft oberhalb des Griffbretts zu greifen, seinen komplexen Bogentechniken, treibt den Hörer förmlich in eine Schleife der Bezüge. Paul Beckett macht das ganz großartig, mit traumwandlerischer grifftechnischer Sicherheit und einem unglaublichen Maß an artikulatorischer Differenzierung. Er spielt übrigens nicht vom Notenblatt, sondern hat ein Tablet auf dem Notenpult liegen – auch in der Avantgarde noch immer die Ausnahme. Echt jetzt?

Dieses furiose Auftaktprogramm ist tatsächlich ein Spiel mit Wirklichkeit und Wahrnehmung. In der Uraufführung von Steve Daversons (Jahrgang 1985) "Exotic vapour" entführt Klaus Steffes-Holländer mit Verve in eine Welt postimpressionistisch vernebelter (rechtes Pedal), stetig mutierender Klänge. Debussy reloaded? Auch Liszts letzte "Bagatelle ohne Tonart" scheint nicht fern. Carola Bauckholts "Zopf" für Flöte, Oboe und Klarinette von 1992 (nuanciert: Martin Fahlenbock, Eduardo Olloqui, Shizuyo Oka) sucht dagegen nach klarer Abgrenzung von der Tradition mit durchaus seriellen Parametern. Gegen Ende wird das Quietschen einer Plastikbox für Musikkassetten zum Inspirationsquell: ein Vierteljahrhundert danach ein herrlicher Anachronismus – Musikkassette, ein echter alter Zopf?

Der Abend zeigt einmal mehr: Die Neue Musik gibt es nicht. Sie kann bei aller Abstraktion formal doch ganz klar strukturiert sein, wie Manfred Trojahns "Objet trouvé" (1976) oder ganz in horizontalen – melodischen – Kontrasten schwelgen, wie Richard Caustons 30 Jahre jüngerer, preisgekrönter "Phoenix". Oder sie sucht nach Brücken, wie Isabel Mundry in ihren "Dufay-Bearbeitungen", in denen sich die Komponistin an den Renaissance-Nucleus heranpirscht. Durch Klopfzeichen, Klangnebel und verfremdende Einsprengsel. Ferne und Nähe relativieren sich, zumal in der betörend sinnlichen Interpretation des ensemble recherche. Echt jetzt!