Historischer Fund

Archäologen finden auf Rügen einen Silberschatz aus der Wikingerzeit

Martina Rathke

Von Martina Rathke (dpa)

Mo, 16. April 2018 um 20:15 Uhr

Panorama

Ein 13-Jähriger hat einen sensationellen Fund gemacht. Er entdeckte einen mehr als 1000 Jahre alten Schatz aus Silber. Diesen könnte der legendäre Wikingerkönig Harald Blauzahn vergraben haben.

Der legendäre Wikingerherrscher Harald Blauzahn hat Dänemark zu einem einheitlichen Reich mit christlicher Prägung geformt. Auf der Ostseeinsel Rügen entdeckten Archäologen jetzt einen Silberschatz aus dem 10. Jahrhundert, den Blauzahn dort möglicherweise vergraben hatte, als er nach einer verlorenen Schlacht gegen seinen Sohn nach Pommern floh.

"Der Schatz ist der größte Einzelfund von Blauzahn-Münzen im südlichen Ostseeraum." Michael Schirren, Archäologe

Die Insel Hiddensee im Rücken und einen bronzezeitlichen Grabhügel im Blick suchen Hobbyarchäologe René Schön und Schüler Luca Malaschnitschenko auf der Insel Rügen mit Metalldetektoren nach neuen Funden. Der 13-Jährige Schüler meint, ein wertloses Stück Alu auf dem Kirchacker nahe der Ortschaft Schaprode entdeckt zu haben. Doch Schön putzt den Dreck von dem matt silbrig schimmernden Stück und ist elektrisiert. Was er an diesem Januartag in den Händen hält, entpuppt sich drei Monate später als Teil eines Silberschatzes, der vom Dänen-König Harald Blauzahn (910 bis 987) stammen könnte. "Das war der Fund meines Lebens", sagt Schön, nachdem er sein Schweigen endlich brechen darf.

Perlen, Schmuck und Münzen

Denn am Wochenende ließ die Landesarchäologie von Mecklenburg-Vorpommern eine etwa 400 Quadratmeter große Fläche durchsuchen. Archäologen bargen dort geflochtene Halsreife, Perlen, Schmuck und zwischen 500 bis 600 teils zerhackte Münzen, von denen mehr als 100 der Regentschaft Blauzahns zugeordnet werden können. "Der Schatz ist der größte Einzelfund von Blauzahn-Münzen im südlichen Ostseeraum", so Grabungsleiter Michael Schirren.

Blauzahn gilt als Begründer des dänischen Reiches, indem er das vorher zersplitterte Land einte, das Christentum einführte und Reformen durchsetzte. Weil er für seine Kommunikationsfähigkeit bekannt war und als geschickter Netzwerker galt, wurde die in Mobiltelefonen verbreitete Funktechnologie Bluetooth nach ihm benannt.

Historischen Quellen zufolge floh er nach der verlorenen Ostseeschlacht gegen seinen Sohn Sven Gabelbart (965 bis 1014) im Jahr 986 nach Pommern, wo er ein Jahr später starb. Möglicherweise vergrub er den Schatz auf seiner Flucht. So soll er es auch mit dem Hiddenseer Goldschmuck getan haben. Hierbei handelt es sich um ein 16-teiliges Schmuckensemble, das in den Jahren 1872 und 1874 nur wenige Kilometer von Rügen entfernt auf der Insel Hiddensee entdeckt wurde. Eine Verbindung zwischen beiden Funden liege nahe, sagt Schirren. Zwar warnt der Archäologe vor voreiligen Rückschlüssen, doch viele Indizien sprächen für einen Zusammenhang: Der bei Schaprode entdeckte Schatz sei ein typischer "Versteckfund" in einem damals unbesiedelten Gebiet. Zudem gebe es stilistische Parallelen zwischen dem Hiddensee-Goldschmuck und dem Schmuck des Schaprode-Fundes.

Vater-Sohn-Konflikt

Nach dem Alter der Münzen zu urteilen, so der Tübinger Münzexperte Lutz Ilisch, könne davon ausgegangen werden, dass der Schatz Ende des 10. Jahrhunderts vergraben wurde. Zu der Zeit also, als Blauzahn nach Pommern geflohen sein soll. Die Geschichtsschreibung über das 10. Jahrhundert ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Fakten mischen sich mit Mythen und Legenden. Der Chronist Adam von Bremen (1050 bis 1081/85) beschreibt in seiner Chronik etwa 100 Jahre später das Schicksal Blauzahns und seine Auseinandersetzung mit seinem Sohn Sven Gabelbart. "Wir haben hier den seltenen Fall, dass dieser Fund mit historischen Quellen zusammenzugehen scheint", sagt Landesarchäologe Detlef Jantzen.

Den Quellen zufolge drehte sich der Vater-Sohn-Konflikt um Glauben und Thronfolge. Harald habe die Dänen geeint, dafür auf Hilfe der christlichen Kirche gesetzt, sich taufen, christliche Bauwerke errichten und Münzen mit christlicher Symbolik prägen lassen. Sein Sohn hingegen sei der altnordischen Mythenwelt der Wikinger verhaftet geblieben. Der Fund geht nun zunächst nach Schwerin ins Landesamt, wo er geordnet und konserviert wird.