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15. Mai 2013 08:39 Uhr

Interview

Brust-Amputation bei Gen-Defekt – gibt es Alternativen?

Hollywood-Star Angelina Jolie lässt sich beide Brüste amputieren, weil sie wegen einer Gen-Mutation Angst vor Krebs hat: Der Fall geht um die Welt. Wie beurteilt eine Medizinerin die Entscheidung?

  1. Judith Fischer Foto: Uniklinik

  2. Angelina Jolie Foto: dpa

Allein in Deutschland lassen sich jedes Jahr 600 bis 700 Frauen laut Schätzungen vorsorglich ihre Brüste amputieren, um dem Schicksal Krebs zu entkommen. In ihren Genen wurde zuvor eine Mutation entdeckt, die ihr Tumorrisiko massiv erhöht. Übertriebene Panik oder eine sinnvolle Entscheidung? Michael Brendler fragte Judith Fischer, die Ärztliche Direktorin des Instituts für Humangenetik der Uniklinik Freiburg.

"Wenn eine solche Mutation vorliegt, ist das Risiko in der Tat extrem hoch." Judith Fischer
BZ: Frau Professor Fischer, die Schauspielerin Angelina Jolie hat herausgefunden, dass sie Trägerin einer gefährlichen Mutation im BRCA1-Gens ist und hat sich prophylaktisch beide Brüste amputieren lassen. Sie beraten in Ihrem Institut Menschen mit ähnlichen genetischen Vorbelastungen. Hätten Sie Frau Jolie auch zu dieser Entscheidung geraten?

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Fischer: Wenn eine solche Mutation vorliegt, ist das Risiko in der Tat extrem hoch. Acht von zehn Frauen mit diesem Genfehler werden im Laufe ihres Lebens Brustkrebs entwickeln, bei unbelasteten Frauen ist es nur eine von zehn. Andererseits ist eine solche Patientin durch die Mutation auch noch vielen anderen Gefahren ausgesetzt: Die Wahrscheinlichkeit für Gebärmutterkrebs, für Hautkrebs und andere Tumore ist erhöht, dazu kommen normale, durchschnittliche Risiken wie die, durch einen Unfall, Infarkt oder Schlaganfall zu sterben. Deshalb dürfen wir Ärzte nicht für die Patientinnen entscheiden. Wir geben ihnen nur alle Informationen mit auf den Weg, die sie benötigen, um in Ruhe eine gut durchdachte Entscheidung zu fällen. Wir können das Problem mit ihnen erörtern, wir können ihnen den Kontakt zu anderen Betroffenen oder zum Sozialarbeiter vermitteln, aber letztendlich muss jede Patientin selber entscheiden. Sie muss wissen, welchen Preis sie zu zahlen bereit ist, damit zumindest eines dieser Risiken sinkt.

BZ: Angenommen Ihre Schwester fragt Sie in einer solchen Frage um Rat. Was würden Sie ihr sagen?

Fischer: Wenn tatsächlich ein derart großes Risiko vorliegt und in der Familie die Erkrankung gleichzeitig sehr früh aufgetreten ist, dann würde ich meiner Schwester die Operation empfehlen.

BZ: Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer hat einmal ausgerechnet: Damit eine Frau mit einer BRCA-Mutation ihr Leben rettet, müssen sich 24 andere ihre Brust amputieren lassen, die dieselbe Zeitbombe im Körper tragen, aber dennoch nie an Brustkrebs gestorben wären. Das Risiko, die Operation ganz umsonst durchzuführen, ist also ebenfalls sehr hoch.

Fischer: Auch über solche Zahlen muss man die Frauen informieren. Es ist ja nicht so, dass sie keine Alternativen hätten. So können sich die Frauen zum Beispiel sehr engmaschig untersuchen lassen. Aber auch das garantiert nicht, dass nicht doch mal ein Tumor übersehen wird. Gerade bei Eierstockkrebs kann der Nachweis schwierig sein.

"Eine eindeutige Vorausage ist leider nicht möglich." Judith Fischer
BZ: Frau Jolies Ärzte sprechen von einem Risiko von 87 Prozent, irgendwann im Leben einmal Brustkrebs zu bekommen. Nun entstehen die meisten Tumoren ja erst spät im Leben, so ab 50,60, 70. Frau Jolie ist 37. Hätte sie vielleicht nicht besser noch ein bisschen abgewartet?

Fischer: Statistisch gesehen haben Sie, was die meisten Tumore angeht, Recht. Bei einer BRCA-Mutation bricht der Krebs allerdings häufig vor dem vierzigsten Lebensjahr aus. Manchmal aber auch gar nicht. Eine eindeutige Vorausage ist leider nicht möglich.

BZ: Dreiviertel der betroffenen Frauen entscheiden sich gegen eine Amputation. Entspricht das auch Ihrem Eindruck?

Fischer: Die meisten entscheiden sich nach meiner Erfahrung zunächst für eine engmaschige Kontrolle, wobei wir oft nicht verfolgen können, ob sie ihre Entscheidung nicht ändern. Meinem Eindruck nach sind es vor allem eher differenzierte, strukturierte, intellektuelle Frauen, die sich für eine OP entscheiden.
BZ: Viele Leute wollen lieber gar nichts von ihren genetischen Risiken wissen. Was hält die Humangenetikerin davon?

Fischer: Wenn ein positives Ergebnis die Konsequenz hat, dass man sich schützen kann, würde ich persönlich jedem zu einem solchen Test raten. Dennoch muss jeder für sich selber entscheiden, was er vorzieht: Die Ungewissheit des Nichtwissens oder die manchmal erschreckende Gewissheit des Wissens.
Stichwort: Brustkrebsgene

Die Erbanlage BRCA1 gehört zur körpereigenen Krebsabwehr. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Kontrolle der Zellteilung und aktiviert das Selbstmordprogramm einer Zelle, wenn die DNA nicht korrekt verdoppelt wird. Ist dieses Gen defekt, steigt das Krebsrisiko. Die Bedeutung von BRCA1 ("Breast Cancer 1", Brustkrebs 1) für Brustkrebs wurde 1994 entdeckt. Bei Frauen mit Mutationen in diesem Gen steigt das Risiko für Brusttumore auf bis zu 80 Prozent. Inzwischen wurden mehrere weitere Erbanlagen gefunden, die das Brustkrebsrisiko erhöhen, darunter die Erbanlage BRCA2. Mutationen im BRCA1- oder BRCA2-Gen sind wahrscheinlich für etwa zwei Drittel der familiären Mammakarzinome verantwortlich. Darüber hinaus können dieses Mutationen das Risiko für andere Krebsarten erhöhen. So wird die Wahrscheinlichkeit für Eierstockkrebs bei einer BRCA1-Mutation auf 50 Prozent geschätzt. Die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 finden sich allerdings nur bei wenigen Patientinnen. Experten gehen davon aus, dass höchstens fünf bis zehn von 100 Brustkrebspatientinnen ein vererbtes oder vererbbares Risiko aufweisen. (dpa)

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Autor: Michael Brendler