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09. August 2014 00:00 Uhr

Visionär

Der israelische Milliardär Stef Wertheimer stammt aus Kippenheim

Der israelische Milliardär und gebürtige Kippenheimer Stef Wertheimer führt ein aufregendes Leben. Er ist ist der reichste Mann Israels. Doch der Schmerz der Vergangenheit sitzt tief. Ein Porträt.

  1. Stef Wertheimer, hier auf dem Balkon vor seinem Büro, ist im Leben vieles geglückt – auch, dass er wieder Vertrauen in die Deutschen gewinnen konnte. Foto: Saurer/privat

  2. Stef Wertheimer als Teenager in Tel Aviv Foto: privat

  3. In einer Hinterhofwerkstatt gründete Wertheimer (Mitte) Iscar. Foto: privat

Ein berühmtes Filmzitat besagt, das Leben sei wie eine Pralinenschachtel. Man wisse nie, was man bekomme. Stef Wertheimer würde so viel Schicksalsgläubigkeit nicht gelten lassen. Die Nazis haben ihm das Leben als Kind zur Hölle gemacht. Doch mit Fleiß, Ehrgeiz und Erfindergeist schaffte der israelische Unternehmer einen märchenhaften Aufstieg. Aus dem südbadischen Flüchtlingskind ist der reichste Mann Israels geworden – einer, der eine ganz eigene Vision vom friedlichen Zusammenleben im Nahen Osten hat.

DER MILLIARDÄR

Es ist ein Montagvormittag im Juni. Eine Sitzecke im obersten Stockwerk von Iscar, einem Weltkonzern mit 58 Niederlassungen weltweit und 10 000 Beschäftigten. Schneidwerkzeuge für Metall werden bei Iscar (Israel Carbide) hergestellt, hochspezialisierte Bohrer und Fräsmaschinen. Die Firma ist das Lebenswerk von Stef Wertheimer. Er hat den Konzern aus dem Nichts aufgebaut und ist durch ihn der reichste Mann des Landes geworden.

Für sechs Milliarden US-Dollar hat Wertheimer ihn in zwei Tranchen 2004 und 2013 an den US-Investor Warren Buffett verkauft und ist damit in die Liga der Superreichen aufgestiegen. In der Forbes-Rangliste der reichsten Menschen der Welt liegt er auf Rang 281. Er besitzt sieben Industrieparks, mit dem Hubschrauber fliegt er zu vielen Terminen.

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Auf elf Uhr ist der Termin mit dem Reporter der Badischen Zeitung angesetzt, Punkt elf Uhr kommt er heraus. "Herr Wertheimer legt viel Wert auf Pünktlichkeit", hat seine Sekretärin bereits deutlich gemacht. Das sei wohl seiner Herkunft geschuldet, meint sie lächelnd. Ein fester Händedruck, ein musternder Blick.

Wertheimer trägt ein blaues Hemd, der oberste Knopf offen – ein dunkler Anzug mit Krawatte würde nicht seinem Naturell entsprechen. Er ist ein Macher, einer, der anpackt. Aalglatte Menschen in Anzügen sind ihm suspekt. Er ist Mitte Juli 89 Jahre alt geworden, sitzt aber Tag für Tag noch am Schreibtisch und regelt seine Geschäfte.

Sein Büro ist groß, aber nicht spektakulär. Kein übertriebener Luxus, kein Schreibtisch aus Wurzelholz, keine goldenen Türbeschläge. Grandios ist vor allem der Ausblick auf die Hügellandschaft Galiläas, einer uralten Kulturlandschaft im Norden Israels. In der Ferne sieht man Olivenbäume, Orangenplantagen. "Bei schönem Wetter kann man bis ans Meer schauen", sagt Wertheimer. Er hat sich sein persönliches Paradies geschaffen.

1982 ist er mit Iscar hierhin aus dem 20 Kilometer entfernten Nahariya umgezogen, nach vier Jahren als Abgeordneter in der Knesset, dem israelischen Parlament. Vier Jahre, die er heute sehr kritisch sieht. "Das waren alles Anwälte dort, die haben gerne geredet. Ich wollte lieber anpacken." Man munkelt, in der Regierung sei man so froh über seinen Rückzug aus der Politik gewesen, dass man ihm bereitwillig jedes Stück Land gegeben hätte – Hauptsache, er ist außer Reichweite. Und so ist es Galiläa geworden. Wertheimer lacht verschmitzt, wenn man ihn an diese Anekdote erinnert.

Hinter seinem Schreibtisch, auf einer Kommode, stehen Dutzende Skulpturen. "Kunst spielt eine große Rolle in meinem Leben", sagt Wertheimer. Vielleicht ist die Begeisterung seiner Mutter geschuldet, die Klavier an der Freiburger Musikhochschule studiert hat.

Stef Wertheimer spricht langsam. Sein Deutsch ist alemannisch gefärbt. Selbst wenn er Hebräisch spricht, lässt sich seine Herkunft nicht verheimlichen. Eine Herkunft, die ihn durch und durch geprägt hat, der er viel verdankt – und die ihm unvorstellbares Leid eingebracht hat. Er hat lange gebraucht, um mit den Deutschen ins Reine zu kommen.

DER VERTRIEBENE
Stef Wertheimers Leben hätte auch in ruhigeren Bahnen verlaufen können. Etwa in einem Häuschen mit Blick auf Schwarzwald und Vogesen. Wertheimer liebte seine badische Heimat. "Das viele Grün, die alten Häuser, das war schon schön", erinnert er sich. 1926 wurde Wertheimer in Kippenheim geboren. Seine Eltern waren fest im Leben der Ortenauer Gemeinde etabliert. Die Familie seiner Mutter betrieb eine Metzgerei, sein Vater eine Mehlgroßhandlung.

Eine gutbürgerliche Familie, integriert in das Dorfgeschehen, beliebt und geachtet. Doch plötzlich veränderte sich das Klima für die Familie, die Wertheimers waren Juden. Seit dem 19. Jahrhundert gab es in Kippenheim eine große jüdische Gemeinde mit einer stattlichen Synagoge als Zentrum. Doch seit der Machtergreifung der Nazis wurde das Leben für die jüdischen Familien immer schwieriger. Anfeindungen waren an der Tagesordnung, ihre Geschäfte wurden boykottiert.

1937 hielten es die Wertheimers nicht mehr aus, packten das wenige, das sie mitnehmen konnten, zusammen und siedelten nach Israel über. Ein Land, das ihnen fremd war, dessen Sprache sie nicht verstanden, in dem sie aber wenigstens willkommen waren und nicht um ihr Leben fürchten mussten. Eine schwierige Zeit für den Elfjährigen. "Man hat uns ja aus Kippenheim rausgeschmissen. Wir hatten gar keine andere Chance", sagt Stef Wertheimer. Seine Stimme wird rauer, er presst die Hände fest zusammen. Die Erinnerung schmerzt auch nach mehr als 70 Jahren noch.

Er nennt Details, Namen, Dinge, die er damals erlebt hatte, möchte aber nicht, dass darüber in der Zeitung berichtet wird. "Das ist alles vorbei, wir müssen in die Zukunft schauen." Er gibt zu, dass es lange gedauert hat, bis er den Deutschen wieder vertrauen konnte. Mehrfach war er in Deutschland zu Besuch, auch in Kippenheim – dort aber immer inkognito.

Dass die ehemalige Synagoge bis vor wenigen Jahren ein Lagerraum der Raiffeisengenossenschaft war, kann er nicht verstehen. Mittlerweile ist das Gotteshaus, das in der Reichspogromnacht von Lahrer SS-Schergen geplündert und beinahe zerstört wurde, in seinen Originalzustand zurückgebaut worden – auch Wertheimer hat mit dazu beigetragen.

In den vergangenen zehn Jahren habe er gemerkt, dass sich Deutschland verändert habe, sagt er heute. Die frühere Landesregierung unter Günther Oettinger habe einen Anteil daran. Mehrfach hatten sich Vertreter aus Stuttgart mit ihm getroffen, es ging um die Frage, wie man das deutsche Ausbildungssystem in Israel einführen könne.

Auch der damalige Kultusminister Helmut Rau war dabei und hat gemerkt, wie Wertheimer trotz der Verbitterung über die Ereignisse der Nazi-Zeit langsam Vertrauen fassen konnte. "Er hat gemerkt, da sitzt jetzt eine andere Generation. Und dass wir es ehrlich mit ihm meinen", sagt Rau.

DER ABENTEURER

Nach ihrer Ankunft in Tel Aviv lebten die Wertheimers in einfachen Verhältnissen. Zusammen mit Tausenden anderen deutschsprachigen Juden, die vor den Nazis fliehen mussten, fristeten sie ihr Dasein in einer bescheidenen Wellblechhüttensiedlung. Jeckes wurden die deutschen Einwanderer von den bereits in Palästina lebenden Juden genannt. Eine abwertende Bezeichnung, die Deutschen galten als übertrieben auf Gründlichkeit und Ordnung bedacht.

Der junge Stef Wertheimer hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Palästina. Er genoss das Leben am Meer, arbeitete als Rettungsschwimmer an den Sandstränden vor Tel Aviv – tat sich in der Schule aber schwer. "Ich verstand die Sprache ja gar nicht und habe auch nicht viel gelernt", gibt er zu. Das Resultat folgte prompt: Mit nur 14 Jahren musste er die Schule verlassen.

"Mich haben vor allem die technischen Fächer interessiert, der Rest nicht so sehr." Doch der vermeintliche Rückschlag sollte sich für ihn als Glücksfall herausstellen. Um über die Runden zu kommen, fing er an, alte Fotoapparate zu reparieren und entdeckte seine Leidenschaft für technische Details. "Wir hatten nicht viel damals, aber das wenige, was wir hatten, musste so leistungsfähig wie möglich sein." Ein Satz, der zum Credo seines späteren Erfolgs werden sollte.

Seine Kenntnisse optischer Geräte blieben der britischen Armee, die damals Palästina besetzt hielt, nicht lange verborgen, und so bekam er nach seinem Schulabbruch das Angebot, mit der britischen Armee nach Bahrain zu gehen, um die Optik von Kampfflugzeugen instand zu halten. Eine großartige Möglichkeit für den jungen Rettungsschwimmer, der gerne Karl May las und davon träumte, seine Abenteuerlust mit seiner Tüftelleidenschaft unter einen Hut zu bringen.

Dabei erwarb er militärische Kenntnisse, die er wenig später gut brauchen konnte – als er Mitglied der Palmach, einer paramilitärischen Jugendabteilung der im Untergrund agierenden Hagana wurde. Dass er Zionist ist, dass er bis zum Äußersten für den Erhalt des jüdischen Staats gekämpft hätte, daraus macht er keinen Hehl.

Zu tief waren die Wunden der Vergangenheit, um sich noch einmal vertreiben zu lassen. Kurzzeitig arbeitete er für ein staatliches Rüstungsunternehmen, das er aber mangels Studienabschluss bald verlassen musste – was seinen Ehrgeiz nur noch mehr anstachelte. "Es macht überhaupt nichts, wenn man scheitert", sagt er heute. "Wichtig ist, dass man aus Fehlern lernt und schnell wieder auf die Beine kommt."

DER VISIONÄR

Schneidwerkzeuge. Warum es gerade Schneidwerkzeuge waren, die den jungen Wertheimer so faszinierten, kann er sich selbst nicht erklären. Mit einer kleinen Hinterhofwerkstatt fing alles an. Mit dem Motorrad fuhr er damals selbst seine Tagesproduktion zu den Kunden. Was folgte, war ein kometenhafter Aufstieg.

Aus der Garage wurde eine kleine Fabrik, die innerhalb von wenigen Jahrzehnten zu einem Weltkonzern wurde. Iscar, ein Name, der auch heute in der Metallbranche noch schillernd ist. So schillernd, dass US-Investor Warren Buffett ihm ein lukratives Angebot machte. Insgesamt sechs Milliarden Dollar – in zwei Tranchen – legte ihm der berühmte Finanzinvestor auf den Tisch. Wertheimer griff zu.

Warum hat er die Firma nicht an seine Kinder weitergegeben? "Das ist alles zu groß geworden, man konnte da nicht mehr den Überblick behalten", sagt Wertheimer. Und außerdem gebe es für die vier Kinder noch genug zu tun. Sieben Industrieparks besitzt Stef Wertheimer heute noch, sechs in Israel, einen in der Türkei. Dutzende Firmen haben sich dort angesiedelt. Er stellt ihnen den Grund und die Infrastruktur zur Verfügung – und sorgt sich um die Aus- und Weiterbildung.

Wertheimer lächelt, wenn man darauf zu sprechen kommt. Er hält nicht viel von der Ausbildung im Heiligen Land – zu theoretisch, zu verkopft – und stimmt gleichzeitig ein Loblied auf das deutsche duale System an. Ein Modell, das er in Israel etablieren möchte. Deshalb wurde die Kooperation mit der baden-württembergischen Landesregierung aufgenommen. Acht israelische Industriemechaniker hat das Land seither aufgenommen und sie zu Handwerksmeistern ausgebildet, 15 weitere werden bald ihre Meisterprüfungen abschließen und dann nach Israel zurückkehren. Sie sollen sich in seinen Industrieparks des Nachwuchses annehmen und ihn zu Fachkräften ausbilden.

Stef Wertheimer glaubt fest daran, dass nur durch gute Ausbildung der Staat Israel erhalten werden kann. Ein Land, das kaum natürliche Ressourcen hat und so auf den Export verarbeiteter Güter angewiesen ist. Eine gute Ausbildung sei die Voraussetzung, weil sie Menschen in Lohn und Erwerb bringe. Für Wertheimer gibt es viele Arten von Übeln auf der Welt. Krankheit, Armut, Misserfolg etwa. Aber fast keines sei so schlimm, so zerstörerisch, wie die Arbeitslosigkeit.

"Wer arbeitet, kommt auf keine dummen Gedanken", meint er. Die Probleme im Nahen Osten resultieren seiner Meinung nach in den mangelnden Beschäftigungsmöglichkeiten. Auch für Gaza fordert er einen Marshallplan, mit dem die Industrie in dem kleinen Landstrich aufgebaut werden kann. Es sei die einzige Chance, die Probleme in den Griff zu kriegen – auch in den Nachbarländern. Dort hätte man sich zu sehr auf das Öl verlassen und den Aufbau des produzierenden Gewerbes vernachlässigt. Horrende Arbeitslosenzahlen seien die Folge. Er legt Wert darauf, dass in seinen Industrieparks auch Palästinenser beschäftigt sind. Juden, Christen, Muslime, Drusen, alle arbeiten dort friedlich zusammen.

"Die haben wegen der Arbeit ja gar keine Zeit zum Streiten." Es ist die Sicht des Machers, des Pragmatikers. Ideologen gibt es im Land ja genug.

Es gibt viele Attribute, die auf Stef Wertheimer zutreffen: Flüchtling, Zionist, Tüftler, Selfmademan. Doch am Ende, so betont er ausdrücklich, sei ihm vor allem eine Sache wichtig gewesen. Seine Augen öffnen sich weit. Er ballt die rechte Hand zu einer Faust und sagt: "Ich habe dafür gelebt, das Land auf die Beine zu stellen – um am Ende ein freier Mann zu sein. Nicht jemand, der irgendwo rausgeschmissen wurde."

Autor: Michael Saurer