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05. Januar 2016

Die Ruhe vor dem Sturm

2015 war die Natur relativ friedlich – in diesem Jahr erwarten Experten aber noch mehr Dürren, Orkane und Überschwemmungen.

MÜNCHEN. Erdbeben und Extremwetter haben 2015 zwar vielen Menschen das Leben gekostet und hohe Werte vernichtet. Verglichen mit den Vorjahren aber war die Natur relativ friedlich. Doch das ändert sich wohl.

Der Chef der Georisikoforschung beim Münchner Assekurranzriesen Munich Re bleibt unbeeindruckt. Auch das vierte Jahr in Folge, in dem Menschheit wie Versicherer bei Naturkatastrophen relativ glimpflich davongekommen sind, kann Peter Höppe nicht beruhigen. Werte im Umfang von 90 Milliarden Dollar haben Erdbeben und Extremwetter 2015 vernichtet, wovon rund 27 Milliarden Dollar versichert waren. Das ist nochmal deutlich weniger als die 110 Milliarden Dollar Gesamtschäden sowie 31 Milliarden Dollar versicherter Schäden 2014 und rund zwei Drittel des Durchschnitts der vergangenen drei Jahrzehnte. "Das ist kein Signal der Entwarnung", bedauert Höppe mit Blick auf den Klimawandel, der 2015 die weltweit höchsten Temperaturen seit Beginn der Aufzeichnung gebracht hat.

Zum einen sei 2015 viel Glück mit im vernichtenden Spiel der Naturgewalten gewesen. Zum anderen droht das neue Jahr ein weitaus katastrophaleres als das vergangene zu werden. 2015 gingen tropische Wirbelstürme oft nur in dünn besiedelten Gebieten an Land. Zudem stand das Jahr unter dem Einfluss eines natürlichen Klimaphänomens namens El Niño. Das sorgt unter anderem dafür, dass die Hurrikan-Aktivität im Nordatlantik gedämpft wird – und die war in der Vergangenheit für die größten Schäden durch Naturkatastrophen verantwortlich. 2016 endet die El-Niño-Phase aber, sagen Klimaforscher. Dann wird es unter anderem im Nordatlantik mit neuen Wirbelstürmen wieder ungemütlich.

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Die Betroffenheit der Assekuranz bei Naturkatastrophen ist aber nur eine Seite der Medaille. Denn Hitzewellen und Dürren treffen oft kaum versicherte Teile der Welt, betont die Hilfsorganisation Oxfam. Weit über zehn Millionen Menschen könnten 2016 wegen Extremwetters Seuchen, Hunger und Wasserknappheit ausgesetzt sein, schätzt sie. Erkennbar betroffen von Dürre und Ernteausfällen seien vor allem Äthiopien, Haiti und Papua- Neuguinea, warnt die Oxfam-Leiterin Humanitäre Hilfe, Jane Cocking. Im südlichen Afrika werde die Wasserknappheit im Februar einen ersten Höhepunkt erreichen. Nach Dürren und anschließenden Überflutungen drohe in Mittelamerika schon im Januar eine Verschlechterung der Lage. Das treffe auf ein wegen zahlreicher Konflikte und weltweit 60 Millionen Kriegsflüchtlingen ohnehin angespanntes System humanitärer Hilfe.

Die Naturkatastrophenbilanz der Munich Re ergänzt das Bild. Schäden im Umfang von zwölf Milliarden Dollar haben Dürren und Hitzewellen 2015 demnach vor allem in Afrika, Südostasien sowie Lateinamerika hinterlassen. Versichert seien davon aber nur 880 Millionen Dollar gewesen. Solche Versicherungslücken will die Assekuranz mit finanzieller Unterstützung westlicher Geberländer nun nach und nach verkleinern. Mittel zum Zweck sind sogenannte Risikopools, die länderübergreifend Policen gegen Wetterkatastrophen, aber auch Erdbeben oder Tsunamis bieten. Solche Pools bestehen für die Karibik, Teile Afrikas und pazifische Inselstaaten. Neue Hilfsgelder, die soeben beim Pariser Klimagipfel zugesagt worden sind, sollen dafür sorgen, dass künftig weltweit 400 Millionen Menschen, vor allem auch Bauern, gegen Naturgefahren versichert sein werden.

Unterversicherung gegen Naturgefahren ist aber auch in unseren Breitengraden ein Thema. So gibt es bislang weder in Deutschland noch EU-weit eine Ernteausfall-Versicherung wie sie US-Landwirte genießen, betont Höppe. Die staatlich subventionierte Police garantiere ihnen auch bei Dürre oder Überschwemmung 80 Prozent der Einnahmen eines durchschnittlichen Erntejahrs. "Auf deutscher und EU-Ebene laufen aber nun Diskussionen zu einer Mehrgefahrenpolice gegen Ernteausfälle", verrät Höppe. Er hofft, dass sie nächstes Jahr auf den Weg gebracht wird, weil Dürrephasen wegen des Klimawandels immer häufiger würden.

Naturkatastrophen 2015

Die tödlichste und teuerste Naturkatastrophe 2015 war ein Erdbeben in Nepal im April. Rund 9000 Menschen kamen dabei ums Leben. Der Gesamtschaden betrug 4,8 Milliarden Dollar, wovon aber nur 210 Millionen Dollar versichert waren. Insgesamt sind voriges Jahr durch Naturkatastrophen 23 000 Menschen gestorben. Damit lag die Zahl der Todesopfer um mehr als die Hälfte unter dem Schnitt der vergangenen 30 Jahre mit rund 54 000 Toten bei Naturkatastrophen jährlich.
So vernichtend ein einzelnes Erdbeben auch sein mag, rund 94 Prozent aller schadenrelevanten Naturkatastrophen sind 2015 auf extremes Wetter entfallen. Das sei typisch für den beginnenden Klimawandel, sagen Forscher. Insgesamt wurden 2015 mit 1060 erstmals mehr als 1000 einzelne Naturkatastrophen registriert. Im Schnitt der vergangenen 30 Jahre waren es 670 Fälle.  

Autor: tmh

Autor: Thomas Magenheim-Hörmann