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11. Dezember 2010
"Diese Nähe ist einzigartig"
Deutschlands bekanntester Hundetrainer, Martin Rütter, erzählt, warum er keine Delfine oder Affen trainiert.
er 41-jährige Martin Rütter studierte Tierpsychologie in der Schweiz und entwickelte ein eigenes Trainingsprogramm für Hunde. Er betreibt das Zentrum für Menschen mit Hund in Bonn und bildet auch Trainer aus. Bekannt wurde er durch die WDR-Sendung "Eine Couch für alle Felle", seit 2008 ist er bei Vox als "Hundeprofi" im Einsatz. Das Bühnenprogramm "Hund-Deutsch / Deutsch-Hund", mit dem Rütter jetzt in die Regio kommt, ist eine Mischung aus Unterhaltungs- und Bildungsshow. Heidi Ossenberg sprach mit Martin Rütter über seine Arbeit, die auch seine Leidenschaft ist.
DBZ: Herr Rütter, wie geht es Mina?
Martin Rütter: Den Umständen entsprechend gut, sie ist schließlich fünfzehneinhalb Jahre alt, ein Methusalem!
BZ: Mina ist Ihre Retrieverhündin und Sie sind Deutschlands bekanntester Hundetrainer. Tut Mina immer das, was Sie wollen?
Rütter: (lacht) Ja, die Erwartungshaltung ist da groß. Natürlich ist das ein gut erzogener Hund, ein sehr verlässlicher und sehr verträglicher Hund. Aber sie ist kein Zirkuspferd. Darum geht es auch nicht, dass sie permanent funktioniert. Ich denke, wir beide kommen gut klar.
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BZ: Meine Frage zielt genau darauf: Ist, wenn der Mensch etwas will und der Hund genau das tut, die Beziehung Mensch-Hund geglückt?
Rütter: Auf gar keinen Fall. Es geht nicht darum, dass ein Hund wie totgeschossen umfällt, wenn der Mensch "Platz" sagt. Mir geht es darum, dass die Menschen ihren Hund verstehen lernen. Wenn er den Kopf so hält und die Ohren so, dann wird er gleich das und das tun. Ein Hund muss seine Persönlichkeit behalten dürfen. Wenn die Mina heute freudestrahlend vom Komposthaufen kommt und sich zwei faule Äpfel reingepfiffen hat, dann gehört das auch zum Leben dazu.
BZ: Sie haben ein eigenes Trainingssystem entwickelt, das Mensch und Tier ein harmonisches Miteinander lehrt. Was sind die Schwerpunkte?
Rütter: Bei uns liegt der absolute Schwerpunkt auf Körpersprache und Kommunikation. In vielen Hundeschulen und Vereinen ist es leider so, dass es um die Konditionierung von Hunden geht. Es geht darum, dass der Hund eine Funktionalität erreichen soll. Mir geht es immer um die Vermittlung von sprachlichen Elementen. Ich persönlich glaube und erlebe das auch täglich, dass jeder Hund anders ist. Jeder hat eine eigene Persönlichkeit – wie auch jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit hat. Die dann zusammen zu bringen ist die große Kunst. Dafür kann man kein Standardprogramm nehmen.
BZ: Auf Ihrer Homepage steht der Satz: Hunde können nur in einer hierarchischen Sozialstruktur zufrieden sein. Also: Ich bin der Chef und der Hund steht im Rudel unter mir. Erleben Sie, dass diese Art der Beziehung vielen Menschen gar nicht behagt, weil sie gar nicht wollen, dass der Hund ihnen untergeordnet ist, sondern gleichberechtigt?
Rütter: Ja, so ist das – und ich finde, das ist ein besorgniserregender gesellschaftlicher Trend. Dass die Menschen denken, alle müssten gleichwertig untereinander sein. So kann eine Gesellschaft nicht funktionieren. Wenn ich glaube, dass mein zehnjähriges Kind mir gleichgestellt ist, so kann ich es nicht mehr erziehen. Die Menschen verwechseln Hierarchie mit Diktatur. Ich will nicht sagen, da oben steht einer und die anderen haben gefälligst zu gehorchen. Aber Kinder – ich habe vier kleine Kinder, ich weiß wovon ich rede – und Hunde brauchen Orientierung, klare Strukturen. Und sie können sich nur an jemandem orientieren, der ganz, ganz klare Vorgaben macht.
BZ: Wie wichtig sind in dem Zusammenhang Rasse und Geschlecht eines Hundes?
Rütter: Es ist ein Irrglaube, Weibchen ließen sich leichter erziehen als Rüden. Bei der Rasse: Es gibt immer Leute, die fragen, was ist der ideale Familienhund? Dann sage ich, den gibt es bei Toys ’R’ Us, der hat entweder eine Batterie im Hintern oder einen Knopf im Ohr. Jeder Hund muss erzogen werden. Aber es gibt natürlich Hunde, die aufgrund ihrer Rassegeschichte schwieriger sind. Wenn ich einen Hund habe, der gezüchtet worden ist, um mit dem Menschen zusammenzuarbeiten, ist es leichter, ihn zu erziehen als wenn ich einen Hund habe, der auf Eigenständigkeit gezüchtet worden ist.
BZ: Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Rütter: Wir haben ja Hunde, die beinahe menschensüchtig sind und den ganzen Tag fragen: Was darf ich denn als nächstes für Dich tun? Dazu gehören der Border Collie, der Australian Shepherd, der Golden Retriever und der Labrador Retriever. Diese Rassen sind sehr leicht zu erziehen. Aber! Wenn ich die nicht erziehe, nicht beschäftige und nicht auslaste, dann habe ich die Hölle zu Hause. Dann habe ich Rassen, die sind extrem eigenständig: Kangal oder Kuvasz, die sind explizit dazu gezüchtet, alleine Verantwortung zu übernehmen. Also etwa eine Herde alleine zu begleiten und zu bewachen. Wenn ich zu dem am Montagmorgen "Sitz" sage, schaut der mich an und sagt: Frag’ mich Donnerstag noch mal...
BZ: Ich hatte gerade ein paar Tage das Vergnügen mit einem Jack Russel, der sich meinem Willen häufig ziemlich erfolgreich widersetzt hat. Gehört der auch zu den schwer erziehbaren Rassen?
Rütter: Der Jack Russel ist leicht zu erziehen. Aber man darf nicht vergessen, dieser Hund hat wahnsinnig Kraft und Energie. Der begleitet oft Reiter. Wenn das Pferd schon k.o. ist, ist der Jack Russel gerade mal warm gelaufen. Das Problem ist, dass die Menschen häufig diesem Bedürfnis nach richtig viel Auslauf nicht genügend nachkommen. Deshalb lassen sich die Hunde dann auf den Menschen nicht richtig ein.
BZ: Ein anderes Stichwort: Kampfhunde. Meist hören und lesen wir nur von ihnen, wenn ein Unglück passiert ist, etwa ein so genannter Kampfhund ein Kind angefallen hat. Haben Sie mit solchen Hunden auch zu tun und wie ist Ihre Einstellung?
Rütter: Ich habe mit diesen Hunden viel zu tun, vor allem, wenn sie schon auffällig geworden sind. Das Problem sind die Halter der Hunde. Sie werden in einer Familie – mittleres oder gehobenes Bildungsniveau, zwei kleine Kinder, Haus an einer Spielstraße – diese Hunde tendenziell weniger finden. Und wenn Sie sie dort finden, werden sie unauffällig sein. Diese Leute haben dann den Hund aus einer guten Zucht gekauft und haben ihn erzogen. Die Hunde, die wir als auffällig wahrnehmen, kommen aus schlechten Zuchten, landen bei Menschen, die kein Verantwortungsgefühl haben. Dann drehen diese Hunde ab. Und: wenn ein 30 Kilo schwerer Staffordshire Bullterrier ausflippt, hat das andere Folgen, als wenn ein 15 Kilo schwerer Pudel ausflippt. Rasselisten sind nicht die Lösung für das Problem. Die Lösung ist, dass man die Halter schult. Dass man einen Hundeführerschein einführt, der die Menschen dazu zwingt, sich zu informieren, bevor sie sich einen Hund anschaffen. Sonst haben wir keine Chance.
BZ: Man kann also nicht sagen: Grundsätzlich ist der Staffordshire Bullterrier aggressiv und der Schäferhund nicht...
Rütter: Wenn wir uns Statistiken anschauen zum Thema Beißvorfälle, dann ist eine Rasse die Top Eins – seit Jahrhunderten. Das ist der Deutsche Schäferhund. Das zeigt das Problem. Die ganze Diskussion ist sehr unsachgemäß verlaufen und es werden leider keine Experten zu Rate gezogen.
BZ: Die Zentren für Menschen mit Hund sind das eine und Ihre Fernsehauftritte, jetzt der Live-Auftritt mit "Hund-Deutsch / Deutsch-Hund" das andere. Da haben Sie die Chance, sehr viele Menschen zu unterhalten und auch zu bilden. Hatten Sie mit diesem riesigen Zulauf gerechnet? Die Live-Show haben schon mehr als 250 000 Menschen gesehen!
Rütter: Ich antworte Ihnen ehrlich: Ja, ich habe damit gerechnet. Ich mache meinen Beruf seit 18 Jahren, seit über zehn Jahren gehe ich auf Vortragstournee. Ich habe jedes Jahr mehr Zuschauer gehabt. Schon vor der Fernsehgeschichte hatte ich 300 Zuschauer. Das ist für einen Hundetrainer wirklich viel! Mit den Fernsehauftritten kam die Popularität – und ich sage Ihnen: Die Live-Show ist einfach gut gemacht. Die Menschen kommen da raus, haben zwei Stunden richtig Spaß gehabt – und sie sagen: Der hat recht, wir müssen jetzt was tun. Die gehen wirklich motiviert da raus. Ich erhebe nicht den Zeigefinger, sondern ich halte den Menschen den Spiegel vor. Ich lache mit denen und ich erzähle auch viel von mir. Da steht nicht der komische Hundepapst, der sich für den Größten hält, ich bin einer von denen. Deswegen funktioniert das. Wir haben dieses Jahr einen Schnitt von 2500 Menschen bei der Show, nächstes Jahr werden es 3500 sein. Das ist toll, das macht Spaß und es bietet die Chance, einer breiten Masse ein Bewusstsein zu schaffen, etwas zu tun.
BZ: Wenn Sie die stets steigende Zahl der Besucher erwähnen – bei rund 5,3 Millionen Hunden in Deutschland könnte man also ausrechnen, wann die Menschen hierzulande wunderbar mit ihren Hunden auskommen. In ein paar Jahren ist es soweit ...
Rütter: (lacht) Das wird noch viel Arbeit. Aber ich meine das schon ernst. Das hat ja nicht angefangen, weil ich ein Fernsehstar sein wollte. Ich habe, wie andere Hundetrainer auch, zehn Jahre auf der Wiese gestanden und dafür gekämpft, dass die Leute ihre Hunde erziehen. Ich möchte, dass meine Kinder eines Tages sagen können: Der Papa hat dazu beigetragen, dass die Hunde besser verstanden werden und dass sie nicht grob traktiert werden. Leider wird auch heute noch in manchen Hundeschulen das Stachelhalsband umgelegt und der Hund gefügig gemacht. Es ist mein oberstes Ziel, dass so etwas nicht mehr gemacht wird – und ich glaube, wir haben gute Chancen, etwas zu verändern.
BZ: Was fasziniert Sie eigentlich so an Hunden? Könnten Sie sich auch vorstellen, auf Pferde umzusatteln oder Katzen zu erziehen?
Rütter: Es schreiben mich immer wieder mal Trainerkollegen an, die eine andere Art trainieren und fragen: Hast du mal Lust auf einen Austausch? Und so hatte ich die Möglichkeit, mit Delfinen, mit Orcas, mit Affen zu trainieren. Das finde ich total spannend, ich genieße das auch. Aber mein Herz hängt einfach an den Kötern. Ich kann’s nicht ändern. Und ich glaube, dass es daran liegt, dass es keine andere Tierart gibt, die sich so eng auf den Menschen einlässt. Das ist ein wissenschaftlicher Fakt. Der Hund betrachtet als einziges Tier den Menschen als vollwertigen Sozialpartner. Er weiß, dass wir keine Hunde sind, aber er lässt es zu, dass wir vollwertige Familienmitglieder sind. Das sorgt für eine irre Nähe. Natürlich ist das aber auch eine große Verantwortung; wenn ich so nah dran bin, kann ich auch viel falsch mache. Aber diese Nähe ist einzigartig.
BZ: Baut sich diese Nähe auch auf, wenn ich mir einen Hund zulege, der nicht mehr im Welpenalter ist?
Rütter: Auf jeden Fall. Wenn dieser Hund natürlich zuvor katastrophale Erlebnisse mit Menschen hatte, dann ist es schwieriger. Aber ich merke oft, wenn diese Hunde dann mal wieder Vertrauen fassen, sind sie umso enger an den Menschen gebunden.
BZ: In jedem Fall haben Sie ein irres Programm mit Hundeschulen, Fernseh- und Liveauftritten. Wie entspannen Sie?
Rütter: Ich werde das ganz oft gefragt: 100 Drehtage im Jahr, 85 Live-Shows, Bücher schreiben. Ich nehme das gar nicht so wahr. Zum einen habe ich unglaublich Spaß bei der Arbeit. Zum anderen habe ich ein ganz tolles Team. Die Leute um mich herum sind wahnsinnig zuverlässig und mit der gleichen Leidenschaft unterwegs. Und entspannen tue ich einfach bei der Familie. Wenn ich nach Hause komme und da kommen vier Kinder angerannt und grölen: der Papa ist wieder da, dann ist auch der größte Stress weg.
INFO: HUND-DEUTSCH/DEUTSCH-HUND
Mit seiner zweistündigen Live-Show "Hund-Deutsch /Deutsch-Hund" kommt Hundetrainer Martin Rütter am 14. Dezember in die Oberrheinhalle Offenburg und am 15. Dezember ins Konzerthaus nach Freiburg. Da die Veranstaltung in Freiburg ausverkauft ist, gibt es einen Zusatztermin in der Rothaus-Arena am 28. September 2011. Hunde sind übrigens in den Hallen nicht erlaubt. Die Live-Show gibt es als DVD von Sony Music.
Autor: BZ
Autor: Heidi Ossenberg


