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29. August 2015 00:00 Uhr

Experiment

Einen Tag lang Frau sein – Selbstversuch in Freiburg

Mann ist Mann. Frau ist Frau. Wirklich? Den 27-jährigen Clément Grégoire treibt diese Frage schon länger um. Für diesen Artikel hat er sich einen Wunsch erfüllt: Er tauschte in Freiburg die Rollen.

  1. Nachher: Clément geschminkt – und ohne Rollenzuweisung Foto: François Menu

  2. Vorher: Clément mit Attributen der Männlichkeit Foto: -

Im Kleid seiner Schwester verbrachte er einen Tag in Freiburg – er wagte sich in die Innenstadt, in ein Café und sogar auf eine Party. Dabei sah er böse Blicke, nette Verkäufer und hatte ein ziemlich ungewöhnliches Erlebnis mit einem Windstoß.

Es ist warm, in der Freiburger Innenstadt drängen sich viele Menschen durch die Gassen. Jung und Alt sind in der Kaiser-Joseph-Straße auf Shoppingtour – oder genießen einfach die Sonne. Ein ganz normaler Samstag: Aber nicht für mich.

Ich wage heute ein Experiment: Ich bin unterwegs als Frau. Schon umringen mich ein paar Mädchen, sie machen Fotos.

"Hey Mädels guckt mal, da ist ein komischer Mann mit einem Kleid", ruft eine. Ich trage ein schönes grünes Kleid über meinem haarigen Körper und bin geschminkt. Warum? Dafür müssen wir die Zeit 15 Jahre zurückdrehen.

Ein Kindertraum

"Man wird nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht." Als Junge, der mit zwei Schwestern aufgewachsen ist, fiel es mir leicht, meine männliche Rolle abzulegen. Ich zog Klamotten meiner Schwestern an und spielte mit ihren Puppen. Auch als Jugendlicher habe ich die Lust, feminin zu sein, nicht verloren. Auch wenn es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wurde, das auszuleben. Wenn meine Schwester mit Mascara in der Hand vor dem Spiegel stand, war ich immer etwas neidisch: Es war unfair, sie konnte einfach ihre Wimpern größer machen und sich verwandeln. Ich blieb immer gleich.

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Weder Mann noch Frau

Vor einem Monat war es wieder einmal so. Dieses Mal war es allerdings nicht meine Schwester, die da vor mir stand, sondern ein junger bärtiger "Mensch". Er stand vor der Uni-Mensa und trug einen schönen pinken Rock. In der Hand hielt er ein Plakat mit der Aufschrift: "Weder Mann noch Frau". Lukas heißt er. "Bist du Gender-Aktivist?", fragte ich.
"Nein, ich setzte mich aber damit auseinander, weil ich immer so ein komisches Gefühl im Bauch habe, wenn jemand "Mann" zu mir sagt", antwortete er. "Das Wort passt einfach nicht."

Das brachte mich ins Grübeln. Wie sehr beeinflussen Wörter unsere Weltanschauung? Mann und Frau – zwei Welten. Ich beschloss, die beiden Wörter für einen Tag aus meinem Wortschatz zu streichen. Einfach nur Mensch sein.



Die Verwandlung

Samstag, 10 Uhr: Mein kindlicher Wunsch wird wahr: Ich verwandle mich in eine Frau. Als erstes soll mein Gesicht glatt werden wie in Kindertagen. Nach stundenlangem Kampf ist es so weit: Kinn und Wangen sind schön geschmeidig. Dann der Feinschliff. Meine Kommilitonin Marion schminkt mich. Es läuft klassische Musik, ich genieße jede Sekunde. Dann stelle ich mich vor den Spiegel und schminke meine Wimpern. Ich hole das grüne Kleid aus dem Schrank und Tada! Im Spiegel sehe ich eine hübsche Frau.

Die Blicke

Drei Stunden später mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Dort treffen mich viele kritische Blicke. Nach einer Weile löse ich mich davon, meine Schritte führen mich Richtung Martinstor. Die Menschen starren, aber sagen nichts. Doch ihre Blicke verraten mir: "Was treibt der denn mit einem Kleid? Ist der verrückt?" Manche lachen mich aus, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Wie eine Dragqueen sehe ich nicht aus. Außer dem Make-Up, der Rasur und dem Kleid habe ich nichts geändert – und benehme mich wie immer. Doch die Sicht der Menschen auf mich ist grundlegend anders.

Die Leichtigkeit

Nicht alles ist komisch. Im Gegenteil. Plötzlich fängt der Wind an zu blasen, mein Kleid hebt sich ein wenig. Die Luft streichelt meine Beine – bis hoch zum Oberkörper. Ein herrliches Gefühl, das ich in Männerklamotten nie erleben konnte. Mir wird klar: Eine Unterhose unter dem Rock ist Unsinn. Wer absolute Leichtigkeit erfahren will, braucht einen freien Körper. Ein Tanga ist gut, noch besser machen es die Schotten, die tragen gar nichts unter ihren Röcken.

Am Crêpe-Stand

14 Uhr. Ich bin beim Martinstor. Der Hunger führt mich zur Markthalle. Ich gehe zum Crêpe-Stand. Die meisten um mich herum sind um die vierzig Jahre alt. Gutbürgerliche Gesellschaft. Niemand traut sich, etwas zu sagen. Wieder sprechen die Blicke für sich. Während ich auf meinen Crêpe warte, beäugen mich gleich mehrere Menschen. Mit meinem Aussehen sind sie offensichtlich nicht einverstanden. Manche starren mich richtig an. Erwidere ich ihren Blick, schauen sie betreten weg.
"Was ist mit dir passiert Junge?"

Ich setzte mich an den Tresen, trinke eine Limo. "Weißt du, warum mich hier alle so komisch angucken?", frage ich die Kellnerin. "Ich weiß nicht, die Leute hier sind nicht so daran gewöhnt. Ein Mensch mit deinem Aussehen", sagt sie.

Im Supermarkt

Nach dem Essen gehe ich wieder raus. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich die Menschen an mein Aussehen gewöhnt haben. Vielleicht, weil ich mich jetzt selbstsicherer fühle? Im Supermarkt kaufe ich einen Lippenstift. "Vielen Dank für Ihren Einkauf", sagt die Kassiererin. Sie lächelt mich an und wünscht mir einen schönen Tag.

Die Handtasche

Ich brauche jetzt eine bisschen Ruhe, Abstand vom Trubel. Auf dem Weg zum Stühlinger-Park ziehe eine Kippe aus meiner kleinen Handtasche. Ich schaue sie an, streiche über das Leder. Oft hatte ich mir so eine Tasche gewünscht, wenn ich am Abend unterwegs war, die Manteltaschen voller Bücher. Rucksäcke sind bei kleinen Spaziergängen nervig, Handtaschen dafür praktisch und elegant. Perfekt für ein kleines Buch, ein paar Kippen und einen Notizblock. Mittlerweile sitze ich in der Sonne und ziehe an einer Zigarette. Perfekt.

Der Tiefpunkt

17 Uhr. Ich gehe in die Sedanstraße, einen Kaffee trinken. Ein paar Jungs drehen sich um und grinsen: "Hey, hast du eine Wette verloren?" Ich kontere: "Nein, darf ich nicht so rumlaufen?" Ist unsere Gesellschaft doch nicht so aufgeschlossen, wie sie gerne wäre? Meine Freundin, die mich bis dahin begleitet hat, ist gegangen. Ich gehe schweren Schrittes Richtung Innenstadt. Vielleicht macht das hier keinen Sinn. Vielleicht kann ich die Blicke nicht mehr ertragen. Ich sollte besser direkt nach Hause gehen, in meine eigentlichen Klamotten schlüpfen.

Ich tu’s. In den eigenen vier Wänden ziehe ich den Rock aus und halte kurz inne. Ich habe heute schon viel erlebt. Aber reicht das? Wie wäre es, wenn meine Kumpel mich so sehen? Finden sie die Verwandlung genauso komisch wie die Fremden in der Innenstadt? Irgendwie ist es mir egal, was sie denken – ich lasse es darauf ankommen. Wenn auch sie nicht verstehen, dass es mehrere Ichs gibt: Pech!

Die Party

21 Uhr. Ich gehe zu einer Freundin im Stühlinger. Es ist neben Marion die erste Bekannte, die mich heute verwandelt sieht. "Mensch, wie schön du aussiehst! Wo hast du das Kleid gekauft?", sagt sie, als ich die Tür reinkomme. Ich strahle.

Später gehen wir zu einer Party auf dem Grethergelände. Als wir ankommen, ist schon gut was los. Die Konzerte haben angefangen, wir wühlen uns durch die Menge; hier treffe ich viele Bekannte. Jan, eine guter Freund, sagt zu mir mit einem breiten Lächeln: "Hätte nicht gedacht, dass dir ein Kleid so gut passen würde."

Wir schlürfen Cocktails, genießen die Musik. Viele Freunde sagen: "Bleib doch in diesem Outfit, es steht dir viel besser." Der Abend ist wunderschön.

Das zweite Ich

2 Uhr. Die Party ist vorbei, ich radel nach Hause. Bevor ich ins Bett falle, ziehe ich mich aus und gehe Zähne putzen. Bevor ich das Licht ausmache, schaue ich ein letztes Mal in den Spiegel. Da bin ich mir sicher: Mein zweites Ich habe ich nicht zum letzten Mal gezeigt.

Autor: Clément Grégoire