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09. Februar 2012

Mordprozess

Falscher Rockefeller in den USA vor Gericht

30 Jahre lang führte er die High Society der USA an der Nase herum / Jetzt wird Christian Karl Gerhartsreiter Mord vorgeworfen.

  1. Seinen schillernden Lebenslauf konnte selbst die Polizei kaum glauben: Christian Karl Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller. Foto: dpa

WASHINGTON. Mehr als drei Jahrzehnte hat ein als "falscher Rockefeller" bekannt gewordener Hochstapler in den USA Behörden, Arbeitgeber, Ehefrauen und die High Society an der Nase herumgeführt. Die atemberaubende Geschichte des Deutschen Christian Karl Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller lässt Vorbilder wie den Hauptmann von Köpenick als Waisenknaben erscheinen. Heute muss er vor den Haftrichter, weil die Polizei den Grund für seine Lügen gefunden zu haben glaubt: Er soll 1985 ein Ehepaar in Los Angeles umgebracht haben.

Der 50-Jährige verbüßt bereits eine Gefängnisstrafe, weil er sein eigenes Kind entführt hat. Am Ende war es die Liebe zu seiner Tochter, die dem Hochstapler das Genick brach: Seine erste Ehefrau hatte er nur der Green Card wegen geheiratet. Die zweite, eine wohlhabende Unternehmensberaterin, konnte er offenbar 13 Jahre lang über seine Identität belügen, bevor die Ehe zerbrach. Als er sich im folgenden Scheidungsstreit weigerte, seine Verhältnisse offenzulegen, verlor er alles: sowohl das Vermögen seiner Frau als auch das Sorgerecht für das Kind.

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Den ersten Besuch, den ihm die Sechsjährige machte, nutzte er für eine dramatische Entführung. Aber ein "Rockefeller" mit Kind taucht nicht so leicht ab, besonders, wenn er eine Sonderkommission, Privatdetektive der Ex-Gattin und alle Medien des Landes auf den Fersen hat. Nach wenigen Tagen war Gerhartsreiter gefasst, 2009 wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt. Seither konnte die Öffentlichkeit kaum glauben, was Stück für Stück ans Tageslicht kam: Den Clark Rockefeller, den seine ehemalige Frau suchen ließ, gab es nicht. Er besaß keinen Führerschein, keine Sozialversicherungs- und keine Steuernummer, obwohl er hohe Positionen bei namhaften Firmen in Manhattan bekleidet hatte, in erlauchten Clubs ein- und ausgegangen war und mit Geld um sich geworfen hatte. Seine gefälschte Kunstsammlung hatte die Crème der Gesellschaft beeindruckt.

Und Clark Rockefeller ist nicht sein einziges Pseudonym gewesen. Seinen zahlreichen Freunden, mehreren Partnerinnen und bis zuletzt seinem Anwalt hat der Scharlatan auf seiner jahrzehntelangen Odyssee durch die USA so viele Biografien vorgespielt, dass es bis heute schwer ist, sich einen Überblick zu verschaffen. Immer noch gibt es Jahre, über die nichts bekannt ist; nach jedem Scheitern tauchte Gerhartsreiter anderswo noch erfolgreicher wieder auf. Was als gesichert gilt, verdankt sich nicht unwesentlich DNA-Abgleichen. Gerhartsreiter wurde 1961 als Sohn eines Malers und einer Näherin im bayrischen Siegsdorf geboren. Als 17-Jähriger ging er als Austauschschüler in die USA und begann offenbar sofort eine schillernde Existenz als Schnorrer und Hochstapler. "Für mich ist er schon vor langer Zeit gestorben", sagte die Mutter der Daily News in einem der wenigen Interviews, die sie gegeben hat. Ihr Sohn kehrte nie mehr nach Deutschland zurück. Das letzte Mal hörte seine Familie 1985 von ihm, als er anrief, um mitzuteilen, dass er sich der schwierigen Aussprache wegen einen neuen Namen zugelegt habe. Was er nicht sagte: Die Tochter seiner Vermieterin und deren Mann waren spurlos verschwunden, und auch Gerhartsreiter tauchte in Kalifornien ab.

Die Leiche der Frau wurde nie gefunden

Die Leiche des vermissten Mannes wurde 1994 bei Bauarbeiten im Garten des Hauses in Los Angeles gefunden, die Frau ist bis heute vermisst. Die Verbindung zu demjenigen, der sich an der Ostküste Clark Rockefeller nannte, stellte die Polizei erst her, als sie 2008 bemerkte, dass es einen gesuchten Entführer dieses Namens nicht gab. Gerhartsreiter beteuert in dem Mordfall seine Unschuld, reklamiert große Gedächtnislücken und gibt verwirrende Interviews, was mit früheren Versuchen seiner Anwälte zusammenpasst, ihren Mandanten für unzurechnungsfähig zu erklären. Die Gutachter im Entführungsprozess waren dieser Argumentation aber nicht gefolgt.

Nach der Anklageerhebung wegen Mordes im März 2011 wurden 28 Zeugenaussagen und mehr als 70 Beweisstücke vorgelegt. Im Januar 2012 entschied ein Gericht in Alhambra (Kalifornien), dass die Beweislage ausreiche, um einen Prozess zu eröffnen.

Autor: Jens Schmitz