Internettrend

Hände aus der Hose! - NoFap-Anhänger wollen weniger masturbieren

dpa

Von dpa

So, 15. April 2018 um 20:28 Uhr

Panorama

Selbstbefriedigung - viele tun es regelmäßig, aber kaum einer redet darüber. Jetzt wollen es manche seltener tun und reden umso mehr davon: Die Anhänger von NoFap motivieren sich, eine Zeit lang nicht zu masturbieren.

Die Frauen nennen sich Femstronauten, die Männer Fapstronauten, und beide wollen die Finger von sich selbst lassen: No-Fap heißt ein Internetforum aus den USA, das auch in Deutschland Anhänger hat. Die Website will Menschen helfen, von Pornos loszukommen.

Dafür verzichten die meisten eine Zeit lang darauf, Hand an sich zu legen – oft 90 Tage. Welches Ziel genau sich die Anhänger setzen, ist ihnen überlassen. Religiöse Motive spielen keine Rolle, nicht mal eine Bewegung will No-Fap sein, lediglich eine "porn recovery website" – eine Seite, auf der sich Pornogestresste erholen können.

Mehr als 90 000 Videos finden sich zum Begriff No-Fap auf der Videoplattform Youtube – "to fap" ist das englische Slangwort für onanieren. "Ich habe es 60 Tage geschafft, keine Pornos zu schauen, nicht zu masturbieren und sexuell abstinent zu bleiben", sagt ein junger Mann, der sich Vackurah nennt. Er wirkt aufgekratzt und berichtet: Er sei selbstbewusster, habe kaum noch Muskelkater, schlafe besser, wolle alles aus sich rausholen. Der Online-Fitnesscoach Ram Ghuman berichtet nach 30 Tagen Verzicht von mehr Zeit, Selbstbewusstsein und Motivation – auch zu flirten.

Im No-Fap-Forum, das mehr als 150 000 Mitglieder hat, ähneln sich die Berichte. Auch von einem Anstieg des Testosteronspiegels ist die Rede. Aber was ist da aus ärztlicher Sicht dran?

"Es passiert im Körper weder etwas, wenn man onaniert, noch wenn man nicht onaniert", antwortet Wolfgang Bühmann, wissenschaftlicher Schriftleiter des Berufsverbands der Deutschen Urologen. "Es gibt keine körperlichen Folgen und schon gar keine Hormonänderungen oder sonst irgendwelche Dinge", betont der Mediziner. Psychologisch sieht es vielleicht anders aus. "Ich glaube schon, dass sich die Erfahrung, dass sexuelles Verhalten gestaltbar ist, positiv oder kurzfristig positiv auf das Selbstwertgefühl auswirken kann", sagt die Sexualtherapeutin Sandra Gathmann.

Gathmann, die in Wien und Berlin arbeitet, sieht einen Trend zur Abstinenz – vom Veganismus bis zur Konsumkritik. "Ich denke, das hängt damit zusammen, dass wir in einer immer komplexer werdenden Welt leben, aus der es auszuwählen gilt, und wo man auch das Gefühl bekommen kann, mit sexuellen Stimuli überrollt zu werden." Es scheine, als positionierten sich Menschen dagegen, "um sich eine Nische zu schaffen, in der das für sie kontrollierbarer und selbstwirksamer gestaltet werden kann".

No-Fap-Gründer Alexander Rhodes masturbiert nicht mehr, wie er sagt. Auch Pornos schaue er keine mehr. Das war mal anders. Bis zu sechs Mal täglich hätte er sich einen runtergeholt. "Pornos brachten mich dazu, meine Lust über alles andere zu stellen – über Liebe, Zuneigung, Einfühlungsvermögen", sagte der Webentwickler und Biologe dem Onlinemagazin jetzt.de. Beim Sex in Beziehungen habe er nur noch schwer einen Orgasmus bekommen können. Seine Sicht auf Frauen habe sich geändert. "In Pornos sind sie nur Objekte. Ich habe Frauen nicht respektiert. Ich hatte falsche Erwartungen auch beim Sex."

No-Fap dreht sich vorwiegend, aber nicht nur um Männer. Fünf Prozent der User seien Mädchen und Frauen. "Es ist also ein menschliches Problem, nicht nur ein männliches", sagt Rhodes, der die Website 2011 ins Leben rief. Und: "Wenn du nicht exzessiv masturbierst, macht dich das zu einem besseren Partner."

Sexualexpertin Gathmann sagt dazu: "Das ist ungefähr so, wie wenn man sagt: ‘Abstinenz von Medienkonsum macht mich medienkompetenter.’" Die Psychologin findet den kritischen Ansatz von No-Fap positiv – nur sei totale Abstinenz die falsche Antwort. "Es geht ja eigentlich um ausbalancierten Genuss. Den kann ich aber nur lernen, wenn ich nicht nur auf Abstinenz setze, sondern auch die Gestaltung lerne." Es gehe beides: Sex in Beziehungen und Selbstbefriedigung. Sie kritisiert, dass No-Fap die Lust des Mannes oft als zwanghaften Trieb darstelle, der mit Abstinenz überwunden werden könne.

No-Fap verurteilt Masturbieren übrigens nicht generell. Nur wenn es zu viel werde, sei es ein Problem, sagt Rhodes. "Wenn du es so oft machst, dass es den Rest deines Lebens beeinflusst." Es gehe auch um die Mentalität. "Der Gedanke, dass ein Orgasmus zum täglichen Leben so sehr dazugehört wie Essen und Atmen, ist einfach Quatsch."