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23. Juli 2011 00:09 Uhr
Südbaden hilft
Haiti: Wie eine Ordensschwester gegen die Erdbebenfolgen kämpft
Die Erdbebenkatastrophe liegt eineinhalb Jahre zurück – doch Haiti hat noch immer einen weiten Weg vor sich. Ein Besuch in dem von "Südbaden hilft" unterstützten Asile Saint Vincent de Paul.
Endlich Ferien? Daelle und Daecha ziehen eine Schnute. Die beiden Mädchen gehen lieber zur Schule. Das Asile Saint Vincent de Paul in Léogâne ist für sie Lernort und Spielstätte zugleich. "Wir lesen, rechnen, schreiben, tanzen und singen da", sprudelt es aus den Zwillingen froh heraus. Als die Erde bebte, waren sie gerade zuhause. Mutter Daniella Maddy Jacinthe zerrte die Töchter an den dürren Ärmchen ins Freie. Danach stürzte ihr Haus ein. "Wir haben alles verloren", erzählt Mutter Daniella. "Wir haben Glück gehabt, weil wir überlebt haben", sagt Vater Jasin Richard Jacinthe. Es ist – wie so oft – eine Frage der Perspektive.
Hat zum Beispiel auch Jacqueline Efrançois Glück gehabt? Die ältere Frau sitzt im Hof des Asiles im Rollstuhl. "Ich habe fünf Tage unter den Trümmern gelegen" – Jacqueline Efrançois klingt, als ob sie übers Wetter plauderte. Als sich die Wände ihres Hauses in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince zusammenfalteten, blieben ihr Luftlöcher und etwas Licht. Der linke Arm steckte fest. Tagelang fanden nur Ratten den Hohlraum unter dem Schutt. Bis heute traut Jacqueline Efrançois keinem Haus. Vom linken Arm ist ihr ein Stummel geblieben. Sie müsse bald wieder nach Hause, erzählt sie leichthin, zur ärztlichen Behandlung. Bloß, dass es ein Zuhause für sie nicht mehr gibt. Oder es vielmehr nur noch in Gestalt des Asiles existiert.
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Schwester Claudette ist an diesem Tag etwas mühsam auf den Beinen. Bei der Einweihung neuer Schulgebäude hat sich die Leiterin des Asiles den Fuß vertreten. Trotzdem wechselt sie mit der 63-Jährigen ein paar tröstende Worte, bevor sie ihre Runde über den Hof fortsetzt. Etwa 60, zumeist betagte Frauen warten im Schatten auf die Mittagsmahlzeit. Eine Krankenschwester kontrolliert Blutdruck. Baulärm dringt durch das Laub.
Die Kombination aus Altenheim und Schule war Schwester Claudettes Idee. Als sie vor 25 Jahren nach Léogâne geschickt wurde, hatte das Asile einen Ruf wie Donnerhall. Heimatlose Alte, geistig Verwirrte, Behinderte – in der vom Elend der Jahrhunderte hart gewordenen Gesellschaft Haitis galten solche Menschen wenig bis nichts. "Wir werden das Bild dieses Heimes in der Öffentlichkeit ändern", nahm sich die junge Nonne vor. Eines Tages beobachtete sie, wie Kinder im Müll nach Brauchbarem wühlten. Sie bot ihnen Essen an, die Heimbewohner waren glücklich über die Begegnung. "Da war klar, dass ein Kindergarten eine gute Sache sein würde", erinnert sich Schwester Claudette. Aus dem Kindergarten erwuchs eine Schule. 400 Kinder kamen zuletzt täglich – gegen Bezahlung eines geringen Schuldgeldes oder im Bedarfsfall kostenlos. Bis zu dem Beben.
Es ist schwer zu beschreiben, welchen Schaden die Katastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti wirklich angerichtet hat. Im Asile barsten die Mauern, elf Bewohner starben sofort oder in den Wochen danach. Aber noch schlimmer war, dass Schwester Claudettes Lebenswerk untergegangen war: der Versuch, den haitianischen Teufelskreis aus Armut und Verwahrlosung mit einem Beispiel der Nächstenliebe und Lebensertüchtigung zu durchbrechen.
Rundfahrt durch Léogâne: Etwa 200 000 Einwohner zählt die westlich von Port-au-Prince gelegene Stadt . Allein, von einer Stadt ist nichts zu erkennen. Häuserzeilen, Straßen, Elektrizität, fließendes Wasser – Fehlanzeige, fast ausnahmslos. Stattdessen Bretterverschläge zwischen Bananenstauden und Zuckerrohr, zerstörte Gebäude und Schuttberge, dazwischen stinkender Müll. Die Einwohner leben in notdürftig geflickten Hütten, baufälligen Häusern, viel zu viele Menschen harren noch immer in Behelfsunterkünften und Zeltlagern aus. Vor der Ruine des Rathauses spaziert eine Ziege. Drinnen zuckt Bürgermeister-Stellvertreter Jude Saint Juste mit den Schultern. "Wir können erst helfen, wenn wir selbst organisiert sind."
Das kann dauern.
Der Verwaltung von Léogâne steht kaum Geld zur Verfügung. Und falls doch, ist es wahrscheinlich, dass die Mittel in obskuren Kanälen versickern. Justes Chef, der Bürgermeister, meidet Termine mit deutschen Besuchern, seit er bei Entwicklungsminister Dirk Niebel mit dem Wunsch nach einem Auto aus schwäbischer Wertarbeit abgeblitzt ist. Bleiben als Hoffnung die Hilfsorganisationen.
Besuch im Gesundheitszentrum von Léogâne, einer weitgehend von der deutschen Caritas finanzierten Einrichtung: Dicht an dicht warten Frauen mit ihren Kindern auf die Sprechstunde. Seit die Schweizer Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" ihr örtliches Krankenhaus dichtgemacht hat, nimmt der Andrang rapide zu. Das Engagement nichtstaatlicher Hilfsorganisationen verlaufe öfters nach demselben Muster, berichtet Joost Butenop vom Missionsärztlichen Institut Würzburg. Entweder sei der Einsatz grundsätzlich nur auf akute Nothilfe ausgelegt – die 18 Monate nach dem Beben nicht mehr gegeben ist, mag der Bedarf an Hilfe noch so groß sein. Oder eine Organisation habe nach einiger Zeit schlicht die für eine spezielle Aktion eingeworbenen Spenden aufbraucht. Oft ein Verhängnis.
Im vergangenen Herbst brach in Haiti die Cholera aus. Ironie des Schicksals: Nepalesische UN-Blauhelmsoldaten, die die Bevölkerung vor Chaos und Anarchie schützen sollten, schleppten sie versehentlich ein. Etwa 5500 Menschen starben bisher. Die Cholera warf Haiti im Bemühen um Wiederaufbau brachial zurück. Ein Hurrikan verteilte den Erreger im Land. Und in den Lagern, in denen insgesamt noch immer geschätzt 680 000 Menschen hausen, ist die Lage bis heute dramatisch.
Vielleicht 1500 sind es in der Zeltstadt Chatulé, nicht weit vom Gesundheitszentrum entfernt. Die Betreiber des Zentrums übernahmen eine Wasseraufbereitungsanlage, die die Unicef stilllegen wollte. Mithilfe der Bewohner wurden Latrinen gebaut, die auch bei – häufigem – Hochwasser – nicht überschwappen. Leider wurden sie bei der ersten Leerung demoliert und mussten ersetzt werden.
Lassen Ärzte und Sozialarbeiter Campbewohner gegen ein geringes Entgelt Müll einsammeln, heißt es darauf zu achten, dass der Abfall nachts nicht wieder verteilt wird. Zwar informieren Gesundheitsarbeiter regelmäßig über Hygiene, ohne die alle Cholerabekämpfung sinnlos bleibt. Aber wer um ein paar Dollars ringt, um den nächsten Tag zu überstehen, den schert Vorsorge wenig. Der Raubbau an der eigenen Zukunft hat seine deprimierende Logik.
Nicht auf die permanente, humanitäre Katastrophe schauen, sondern sich aufs Machbare konzentrieren – wer sich von den langfristig orientierten Aufbauhelfern an diese Devise nicht hält, könnte glatt durchdrehen. Manch katholischer Bischof Haitis, dessen Kirche über beträchtlichen Einfluss verfügt, stemmt sich mit Bibelgleichnissen gegen die Mutlosigkeit. Ihm werde es wie Moses ergehen, sagt Bischof Pierre Dumas, Präsident der haitianischen Caritas. Dieser habe das gelobte Land bekanntlich auch nur gesehen, jedoch nicht erreicht. Der Erzbischof von Port-au-Prince, Guire Poulard, setzt auf Nachhaltigkeit. Die Menschen, die sich in verheerender Abhängigkeit eingerichtet hätten, müssten davon überzeugt werden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auf die Politik baut Poulard dabei eher nicht. Der neue, sympathische Präsident Haitis, Michel Martelly, sei "ein Mann, der gerade lernt, was Politik heißt". Beobachtern zufolge hat er gegen den alten korrupten Klüngel kaum eine Chance.
All das kümmert Schwester Claudette wenig. Für die 55-Jährige war entscheidend, dass es nach dem Beben im Asile irgendwie weiterging. Und das tat es. Spezialisten der Caritas halfen ihr und ihren Mitschwestern, das Gelände vom Schutt zu befreien und die Gebäude provisorisch herzurichten. Inzwischen läuft der – erdbebensichere – Wiederaufbau auf Touren. Nach der Schule sind demnächst ein Lager und Unterkünfte für die Heimbewohner an der Reihe. Die neue Küche steht, muss bloß noch eingerichtet werden. Schnell geht nichts in Haiti. Auch nicht im Asile. Aber voran geht hier vieles. Sie wolle den Alten und Behinderten auch in Zukunft eine Insel der Zufriedenheit bieten, sagt sie. Und die Kinder zur Liebe erziehen. Ob ihre Arbeit nicht auch einer dieser Tropfen sei, die auf dem berüchtigten heißen Stein verdampfen? Schwester Claudette hält nur kurz inne. Ein Tropfen? "Ja", sagt sie dann. "Und aus vielen Tropfen wird einmal ein Meer."
Autor: Thomas Fricker


