Globuli und Co.

Der Markt für Homöopathie schrumpft

Hinnerk Feldwisch-Drentrup , Manuel Fritsch

Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup (dpa), Manuel Fritsch

Do, 15. Februar 2018 um 09:20 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Noch vor wenigen Jahren boomte der mehr als 600 Millionen Euro schwere Homöopathie-Markt in Deutschland, doch nach aktuellen Zahlen gingen die Verkäufe im Jahr 2017 deutlich zurück.

Auch die Kritik an den Arzneimitteln reißt nicht ab, wie die jüngste Debatte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München zeigt.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache als die Homöopathen

Die Homöopathie erfreue sich steigender Beliebtheit in der Bevölkerung, es gebe eine "steigende Akzeptanz und Anwendung beim Endverbraucher und bei den Heilberufen", erklärte der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) noch im November. Der Bund Deutscher Heilpraktiker verwies in einer Meldung auf seinem Portal Heilpraktiker-Fakten noch am Montag unter Bezug auf "aktuelle Zahlen" aus 2016 auf einen wachsenden Homöopathie-Markt. Tatsächlich boomte der Umsatz lange – doch nicht mehr im vergangenen Jahr.



Denn anscheinend erlebt die Branche derzeit einen deutlichen Dämpfer: Im Jahr 2017 gingen nach Schätzungen der Pharma-Marktforschungsfirma IQVIA mehr als 53 Millionen Packungen homöopathischer Präparate über die Verkaufstische deutscher Apotheken. Das klingt viel, doch sind das gut zwei Millionen Packungen weniger als im Vorjahr, ein Rückgang um 3,6 Prozent.

Weniger Verkäufe, weniger Verordnungen

Dabei kauften nicht nur die Patienten weniger Homöopathika, auch Ärzte verordneten die Präparate seltener auf Rezept: Bei Kassenpatienten sank die Zahl der auf Kosten der gesetzlichen Versicherungen abgegebenen Packungen um gut 14 Prozent, bei Privatversicherten um rund sieben Prozent. Auch beim erzielten Umsatz sieht es für die Hersteller nicht mehr ganz so rosig aus: Nach teils zweistelligem Wachstum in den vergangenen Jahren sanken die Umsätze laut Zahlen des Marktforschungsinstituts Insight Health im Jahr 2017 um 0,3 Prozent auf 608 Millionen Euro. Die Absatzzahlen der zehn meistverkauften homöopathischen Präparate seien "alle am Sinken", erklärt ein Sprecher von Insight Health. "Das große Wachstum bei Homöopathika ist erstmal vorbei."

Nach den Gründen dafür gefragt antwortete der Bundesverband BAH, er könne angesichts der aktuellen Zahlen "keine Aussage bezüglich einer Trendwende zur Akzeptanz und Anwendung homöopathischer Arzneimittel treffen". Auch der Bund Deutscher Heilpraktiker teilte mit, er habe die Zahlen für 2017 "noch nicht verarbeitet".

Für die Kassen dient Homöopathie zur Kundenbindung

Ein Grund für ein abnehmendes Interesse an homöopathischen Mitteln könnte die Diskussion um die fehlende Wirksamkeit der Präparate sein. Bei ihrer Herstellung werden pflanzliche wie auch tierische Ausgangsstoffe – darunter auch giftige Stoffe wie Quecksilber – teils äußerst stark verdünnt, so dass in den meisten Mitteln von den Ausgangsstoffen praktisch nichts mehr enthalten ist.

Zwar dürfen gesetzliche Krankenkassen eigentlich nur die Kosten anerkannt wirksamer Behandlungen erstatten, doch gibt es für Homöopathie und ähnliche Therapierichtungen gesetzliche Sonderregeln: Anders als üblicherweise erforderlich wird ihre Wirksamkeit nicht in belastbaren Studien geprüft.

Dies steht schon lange in der Kritik. Laut Jürgen Windeler vom Medizin-Prüfinstitut IQWiG glauben auch die Kassen, die die Kosten erstatten, selbst nicht an den Nutzen von Homöopathika. Vielmehr nutzten sie die Homöopathie, um Kunden zu binden. "Der fehlende Nutzen ist vielfach nachgewiesen", erklärte Windeler im vergangenen Jahr.



Dennoch bieten auch angesehene Universitäten Vorlesungen in Homöopathie als Wahlpflichtfach im Medizinstudium an. Die LMU sah sich in der vergangenen Woche daher erheblicher Kritik in den sozialen Medien ausgesetzt: In Vorlesungsunterlagen zur Allgemeinmedizin hatte ein Dozent behauptet, die Homöopathie funktioniere "im Prinzip wie eine Impfung". Auch hatte er auf fragwürdige Krebs-Experimente an Ratten verwiesen, denen eine "immaterielle Wirkung" der Präparate womöglich das Leben verlängert habe.

Auf Nachfrage erklärt die Uni nun, sie wolle eine "kritische Distanz" wahren und die Studienunterlagen überarbeiten. Aus Sicht der Hochschule gebe es "keine wissenschaftliche Grundlage" für die Homöopathie, erklärt ein Sprecher – hierauf werde in Vorlesungen bereits hingewiesen. "Wir möchten keine Empfehlung zu homöopathischem Handeln an die Studierenden geben", heißt es von Seiten der Uni.

Auch an der Universität Freiburg wird Homöopathie gelehrt. "Freiburg ist nicht ausgewiesen pro und auch nicht ausgewiesen contra", erklärt Lutz Hein, Studiendekan der Pharmakologie. Er betont die Freiheit von Forschung und Lehre. "Wir wollen ein Bild der Sachlage darstellen und aus Fachsicht alle wesentliche Aspekte darstellen", sagt Hein. Die Bewertung obliege dann jedem Einzelnen.

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