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29. Juli 2013

Schweden

Notstand in Geburtskliniken

Schwedens Gesundheitswesen ist perplex: Frauen gebären auch im Sommer.

  1. Meldet sich eigentlich so früh, dass sich Kliniken darauf einstellen könnten: ein Kleinkind. Foto: dpa

KOPENHAGEN/STOCKHOLM. An Personal wird gespart, und jetzt ist auch noch Urlaubszeit: Schwedens Geburtskliniken sind rappelvoll – und manche Gebärende muss ihr Kind zu Hause auf die Welt bringen.

Für die Geburt ihres Sohns hatte sich Johanna Stjernkvist Ruhe und Harmonie gewünscht – bloß keinen Stress. Frühzeitig, als sich die ersten Wehen meldeten, rief ihr Mann daher die Geburtsklinik im südschwedischen Ystad an: "Wir kommen!" Doch in ihrer Heimatstadt war kein Platz für die Gebärende.

Auch in Malmö, der regionalen Hauptstadt, hieß es überall: "Tut uns leid, wir sind voll!" In Lund, 70 Kilometer von Ystad entfernt, hätte Johanna gebären können, doch so lange wollte ihr Kind nicht warten. So kam der Kleine daheim auf dem Küchenboden zur Welt, und es wurde eine Geburt voller Angst: "Ich konnte nur denken: Wenn er nur rauskommt, wenn er nur nicht festsitzt, wenn er nur atmet", erzählt der Mutter. "Alles ging gut, aber es hätte auch schlimm enden können", meint ihr Mann Christian.

Das Erlebnis der Stjernkvists ist kein Einzelfall in diesen Wochen in Schweden. Es ist, als sei der sonst so wohlorganisierte Wohlfahrtsstaat davon überrascht worden, dass Frauen auch im Sommer gebären. "Katastrophe, Katastrophe, Katastrophe", beschreibt die Hebamme Susanne Sandberg von der Universitätsklinik Malmö die Lage, "wir rennen wie die Verrückten". In der südschwedischen Region Skåne hat man den Notstand ausgerufen und eine Krisenorganisation gebildet "wie bei großen Unglücken", sagt Klinikchef Andreas Herbst. "Die Sicherheit der Patienten ist in Gefahr." Nur dass die Ursache der Krise kein plötzlicher Schicksalsschlag ist. Es werden in diesem Sommer nicht abnormal viele Kinder geboren, und jedes von diesen hat sich neun Monate lang angekündigt. "Wir hätten die Situation wohl besser vorbereiten können", räumt Herbst ein. Doch seit Jahren hat man an Personal gespart und Abteilungen in den Krankenhäusern "wegrationalisiert", so dass die Lage auch während des Jahres oft angespannt ist. Und wenn dann die Urlaubszeit hinzukommt, nehmen die Engpässe Überhand. Gebärende werden von Malmö bis nach Dänemark geschickt, wo sich die Kopenhagener Geburtskliniken zur Aufnahme hilfsbedürftiger Schwedinnen bereit erklärten. Auch in Stockholm oder Göteborg ist die Lage nicht besser. "Es kommt vor, dass unser Dienst morgens um Viertel vor sieben beginnt und wir durchmachen bis abends um zehn", sagt Carina Dereus vom Verband des Gesundheitspersonals.

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"Die Bemannung ist fragil", erkennt Klinikchef Herbst, und das, obwohl man Hebammen unter Berufung auf den Notstand aus dem Urlaub zurückrief und andere mit doppeltem Lohn zum Weitermachen überredete. "Trotzdem liegen wir weit unter der Norm, überall ist es voll und absolut nicht sicher für die Patientinnen", sagt Sandberg. Sie und ihre Kolleginnen hatten schon im Winter vor den kommenden Engpässen gewarnt. Die Antwort von oben: Anstellungsstopp.

Die Gesundheitsaufsicht in Skåne tadelt jetzt nach einer unangemeldeten Inspektion das "Unvermögen, die Lage vorherzusehen", scharf. Bis spätestens Mitte August müssten die Missstände beseitigt sein, fordert Behördenchefin Eva Hansson. Solange geht der Notstand in den schwedischen Geburtskliniken weiter.

Autor: Hannes Gamillscheg