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18. Mai 2013

Prozess um Billig-Brustimplantate

Opfer enttäuscht vom Verfahren

Opfer enttäuscht von Verlauf des Prozesses um Billigimplantate.

  1. Welche Strafe Mas erhält, wird erst im Dezember verkündet. Foto: AFP

PARIS. Das größte Strafverfahren der an großen Strafverfahren reichen Geschichte von Marseille ist zu Ende, das Urteil soll im Dezember ergehen. Am Freitag hatte der Hauptangeklagte, Jean-Claude Mas, das letzte Wort. Dann wird es still werden um den 73-jährigen Unternehmer, der von 2001 bis 2010 Brustimplantate mit billigem Industriesilikon füllen ließ und weltweit in 65 Länder verkaufte. Still werden wird es auch um die Opfer.

Fast 7500 Frauen waren dem Verfahren als Nebenklägerinnen beigetreten – entschlossen, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der ihnen "gefährlichen Müll" eingepflanzt hat, wie es eine von mehr als 500 an Brustkrebs erkrankten Implantat-Trägerinnen formuliert hat. Die Staatsanwaltschaft will Mas wegen schwerwiegender Verbrauchertäuschung und Betrug für vier Jahre im Gefängnis sehen, auch für vier Ex-Mitarbeiter von ihm hat sie Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren gefordert.

Doch auch wenn die Chancen gut stehen, dass das Gericht bei der Urteilsverkündung im Herbst dem Antrag der Staatsanwaltschaft zumindest teilweise stattgibt: Das Verfahren ist vieles, was sich die Opfer erhofft hatten, schuldig geblieben. Enttäuschung hat hervorgerufen, dass die Staatsanwaltschaft den Nachweis erbringen konnte, dass das weltweit Hunderttausenden arglosen Frauen eingepflanzte, für Matratzen, nicht aber für Menschen zugelassene Billigsilikon gesundheitsschädlich, wenn nicht krebserregend ist.

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Französische, britische und australische Gutachter haben einhellig bekundet, nichts deute darauf hin, dass das von Mas’ Firma "Poly Implant Prothèse" (PIP) verwendete Füllmaterial toxische Eigenschaften aufweise. Bestätigt haben die Experten lediglich, dass die mit Industriesilikon gefüllten Brustprothesen leichter reißen als korrekt gefüllte, zehnmal so teure Vergleichsprodukte. Bei 25 Prozent der von Mas gefertigten Prothesen pflegt Silikon auszutreten. Sicherlich birgt auch eine erhöhte Reißanfälligkeit Gesundheitsgefahren. Auslaufendes Silikon kann Entzündungen hervorrufen.

Die Entfernung der PIP-Implantate, zu der die Gesundheitsbehörden der Bundesrepublik und mehrerer anderer Länder aufgerufen haben, setzt die Betroffenen Operationsrisiken aus. Aber der Argwohn vieler Opfer, dass ihnen das Industriesilikon als solches die Gesundheit zerstört hat, ist zum Ende des Prozesses noch immer eben dies: ein Argwohn.

Nicht erhärtet hat sich auch der vielfach gehegte Verdacht, die von Mas 1991 im südfranzösischen La Seyne-sur-Mer gegründete Firma sei ein heruntergekommener Laden gewesen, in dem unqualifiziertes Personal, von den Behörden unbehelligt, vor sich hin improvisierte. Zeugen nannten den Herstellungsprozess "vorbildlich", bescheinigten den Angestellten "Qualifikation und Kompetenz".

Nicht erfüllt hat sich schließlich die Hoffnung der Opfer, der erst 2010 eingeschrittenen französischen Aufsichtsbehörde oder den von Mas hinters Licht geführten Prüfern des deutschen TÜV Rheinland strafrechtlich relevante Versäumnisse nachweisen zu können. Beide haben sich vor Gericht als Opfer präsentiert, die von den Angeklagten systematisch hinters Licht geführt worden seien. Für Schadenersatzprozesse gegen die Kontrolleure ist das wenig ermutigend.

Die Enttäuschung sitzt

tief bei den Opfern

Aus Sicht der Opfer bleibt so zum Ende des Prozesses als Ertrag zurück, was bereits zu Beginn gesichert schien: dass Mas und die vier mitangeklagten Ex-Mitarbeiter ein Jahrzehnt lang gelogen und betrogen haben. Mas, der im Ermittlungsverfahren eingeräumt hatte, die TÜV-Kontrolleure regelmäßig hinters Licht geführt zu haben, war in der mündlichen Verhandlung davon zwar wieder abgerückt.

Seine früheren Angestellten aber haben dafür umso drastischer geschildert, wie sie vor dem alljährlichen TÜV-Besuch sämtliche Spuren des Industriesilikons tilgten und nach dem Abzug der Prüfer die Champagnerkorken knallen ließen.

Gewiss, da war auch noch die den Opfern so wichtige Begegnung mit dem Täter. "Er hat uns immerhin ruhig zugehört", erzählt Alexandra Blachère, Vorsitzende des Vereins der Implantate-Trägerinnen. Auch hat Mas sich entschuldigt. Was den sich als zerstreuter Professor gebärdenden Mann aber nicht davon abgehalten hat, beharrlich zu leugnen, besagte Patientinnen Gesundheitsgefahren ausgesetzt zu haben. Der Füllstoff der PIP-Implantate sei letztlich hochwertiger als der amtlich zugelassene, behauptete er. Die Enttäuschung sitzt bei vielen Opfern tief. Zwei von ihnen, Marité und Martine, ziehen zum Verfahrensende ein bitteres Fazit: "Maximal vier Jahre Haft für den Täter und lebenslänglich für uns Opfer."

Autor: Axel Veiel