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15. Mai 2012

Kanada

Ritter und Ross auf Reisen

Ein junger Kanadier zieht in Rittermontur auf einem Pferd durchs Land – inspiriert durch die Verfilmungen von "Der Herr der Ringe".

  1. Ritter Vincent auf seiner Stute Löwenherz Foto: gerd braune

OTTAWA. Ein junger Mann aus Quebec reitet quer durch Kanada – in voller Rittermontur. Vincent Gabriel I. de Beauport Kirouac, wie er sich selbst nennt, versteht sich als Ritter der Moderne. Er predigt Tugenden wie Ehre, Demut und Frömmigkeit. Als nächstes überlegt er, nach Jerusalem zu pilgern.

Der blankgeputzte Helm und die rot-weiße Tunika leuchten in der Sonne. Der Ritter tätschelt seinem Pferd die Flanke. Coeur-de-Lion, Löwenherz, wartet auf das Signal, dass es nach einem Tag Pause weitergeht. Ein weiter Weg liegt vor Ritter und Ross. Das Ziel, Kanadas Westküste, ist Tausende Kilometer entfernt.

Der 22-jährige Vincent Kirouac aus Quebec versteht sich als Ritter der Moderne, der ritterliche Tugenden verbreiten will. Vor mehr als einem Monat begann seine Reise in St. Pacome bei Riviere-du-Loup am St. Lorenz-Strom. 700 Kilometer hat er schon zurückgelegt und die Hauptstadt Ottawa erreicht.

"Ich habe als Kind und Jugendlicher davon geträumt Ritter zu sein", erzählt er. Aber die richtige Begeisterung kam vor etwa acht Jahren, ausgelöst durch die Verfilmung des Tolkien-Romans "Der Herr der Ringe". "Die Gefährten kämpften zusammen, standen füreinander ein, gewannen gegen ihre Feinde", sagt der junge Mann mit den langen braunen Haaren. Seinen mit der Quebecer Lilie verzierten Helm, der Stirn und Nase bedeckt, hat er abgenommen. Nach seinem Schulabschluss in Quebec studierte Kirouac drei Jahre lang Pferdehaltung. Nebenher arbeitete er als Pferdetrainer, bis er genug Geld hatte, sich Löwenherz zu kaufen.

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Vincent Kirouac lächelt glücklich. Er verwirklicht seinen Traum. "Ich will Menschen treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen", sagt er. Vincent weiß, dass er für viele zunächst ein Sonderling ist. "Aber dann stellen sie interessiert Fragen, und wenn sie mir zuhören, ändert sich das", sagt er. Der bekennende Katholik spricht von "ritterlichen Tugenden", die er propagiert: "Freundschaft und Ehre, Respekt, Demut, Aufrichtigkeit, Glaube und Frömmigkeit", zählt er auf. Um für diese Werte einzutreten, müsse man kein Ritter sein und zu Pferd durch Kanada ziehen. Aber das sei der Weg, den er gewählt habe.

Wegen des Gewichts hat Kirouac darauf verzichtet, Brust- und Beinpanzer mitzunehmen. Er will Löwenherz schonen. Deshalb legt er auch einen Ruhetag pro Woche ein. Wenn er, wie jetzt auf dem Reiterhof von Ottawa-Nepean, Station macht, kommt der Hufschmied und sieht nach, ob die Beine des Pferdes gesund sind.

Seine Reise finanziert sich der Ritter mit Erspartem. Sein Glaube gibt ihm die Zuversicht, stets Menschen zu begegnen, die ihm helfen. Dabei will er nichts umsonst haben. Er jobbt auf Farmen, hilft, wo er kann. Nun ist Ritter Vincent auf dem Weg nach Toronto. Von dort aus will er mit einem Wagen mit Anhänger nach Winnipeg fahren. Die 2000 Kilometer entlang der Großen Seen, wo es viel Wald und wenig Dörfer gibt, will er schnell durchqueren. "Ich will vor allem Menschen treffen, nicht möglichst viele Kilometer reiten", erklärt er.

Ob er es bis Herbst an den Pazifik bei Vancouver schafft, weiß er nicht. Vielleicht wird er irgendwo mit seinem Pferd überwintern und auf einer Farm arbeiten. Und vielleicht ein weiteres Projekt anschließen: "Ich würde gerne von Edinburgh in Schottland bis Messina in Sizilien reiten, und dann vielleicht bis Jerusalem." Seine Verlobte Katrine Conelly unterstützt ihn. Sie pflegt seine Website und leitet E-Mails weiter. "Es ist eine großartige Reise. Ich hätte gerne mitgemacht, aber ich habe kein Pferd", sagt sie.

Ritter und Ross setzen sich in Bewegung. Dann stoppt Vincent, nestelt in seinem Umhang mit dem Löwen als Wappen und holt sein bimmelndes Handy hervor. Auch ein GPS hat er zur Orientierung bei sich. Auf moderne Hilfsmittel will ein Ritter im 21. Jahrhundert nun doch nicht verzichten.

Autor: Gerd Braune