Freiburg

Sex-Branche verleiht nun Gütesiegel gegen das Schmuddelimage

Jannik Jürgens

Von Jannik Jürgens

Do, 11. Oktober 2018 um 17:47 Uhr

Freiburg

Der Bundesverband sexuelle Dienstleistungen hat das Freiburger Bordell Villa Deluxe bei einer Bewertung mit Rekordpunktzahl ausgezeichnet. Was wurde für das Gütesiegel getestet?

Die Schuhe versinken im Teppich, dicke Goldfarbe prunkt auf dem Rahmen des Spiegels über dem Bett und die Leuchtdioden des Kronleuchters tauchen den Raum in ein dunkles Rot. Durch die schweren Gardinen dringt kaum Licht in den Raum, wo sich ein Dutzend Journalisten mit ihren Blöcken, Aufnahmegeräten und Kameras aneinander quetschen. Der Gastgeber, der Freiburger Bordellbetreiber Nenad Kekenj-Seke, lehnt am Rand eines Whirlpools, neben Handtüchern, Seifenspendern und Bodylotion haben sich Stephanie Klee und Simone Goretzki vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BSD) postiert.

In einem kleinen Festakt überreicht Klee dem Betreiber der Villa Deluxe in Freiburg ein Schild, fünf schwarze Kronen auf goldenem Hintergrund, die Kameras blitzen. Der Interessenverband, dem ungefähr 100 Bordellbetreiber angehören, zeichnet das Freiburger Etablissement mit einem Gütesiegel aus. In der verbandsinternen Bewertung hat es deutschlandweit das bisher beste Ergebnis bekommen. Nenad Kekenj-Seke zeigt das Schild stolz in die Kameras. "Auch wir haben das Recht, als Unternehmen in der Gesellschaft anerkannt zu werden", sagt er.

Selbstverpflichtungserklärung gegen Gewalt

Der Mann mit dem rasierten Schädel trägt ein feines Sakko, darunter Weste und ein blütenweißes Hemd. Er versteht sich als Geschäftsmann. Auf der edlen Visitenkarte deutet nichts darauf hin, dass er im Bordellgeschäft tätig ist. Später lässt er das Schild gleich neben der Eingangstür anschrauben. Dort hängt bereits das Siegel der ersten Stufe, bei dem die Betriebe Mindestanforderungen wie eine Selbstverpflichtungserklärung gegen Gewalt und Ausbeutung erfüllen mussten. Es komme immer wieder vor, dass Kunden sich mit dem Schild fotografieren ließen und das Bild auf Facebook posten, sagt Kekenj-Seke und man hört wieder in seiner Stimme – einen Hauch von Stolz.

Bei der zweiten Stufe wurden die Zimmer unter die Lupe genommen: Wie bequem sind die Betten? Gibt es abschließbare Schränke und separate Schlafplätze für die Sexarbeiterinnen? Auch Barrierefreiheit, Hygiene und Spezialangebote werden bewertet. "Wir wollen die Branche aus der Grauzone herausholen", sagt Stephanie Klee vom BSD. Das Gütesiegel solle Transparenz schaffen. Sexarbeiterinnen könnten erkennen, welcher Betrieb gute Arbeitsbedingungen biete.

Einblicke in die Geschäftsstruktur

Kunden wüssten, welche Ausstattung und Qualität geboten werde und für Behörden werde deutlich, dass der Betrieb Einblicke in die Geschäftsstruktur gewähre. Einblick in das Tagesgeschäft gibt es jedoch nicht: Denn die Frauen, um die es geht, die hier unweit der lauten Bahngleise arbeiten müssen, die vielleicht auch etwas zu erzählen hätten – sie werden den Journalisten nicht präsentiert.

Für den BSD ist das Siegel eine Alternative zum Prostituiertenschutzgesetz. Das Gesetz verpflichtet Prostituierte, sich bei den Behörden zu registrieren. Auch Bordellbetreiber müssen sich eine Betriebserlaubnis holen. Weil die Behörden überfordert seien, käme es vor, dass sich Sexarbeiterinnen nicht anmelden könnten und in die Illegalität gedrängt würden, kritisiert Stephanie Klee. Auch entschieden Behörden bundesweit unterschiedlich, wie etwa das Notrufsystem auszusehen habe. "Die Branche ist verunsichert", sagt Klee.

Prüfung nicht unabhängig

Kritik gibt es auch an der Initiative des BSD. Huschke Mau von Netzwerk Ella, einer Aktionsgruppe, die Prostitution als sexuelle Gewalt anerkennen lassen will, wittert eine Ablenkungsstrategie. Den Prostituierten werde nicht geholfen. Stephanie Klee hält dagegen: "Sexarbeiterinnen sind nicht per se Opfer. Sie bieten sinnvolle und benötigte Dienstleistungen an." Huschke Mau kritisiert außerdem, dass die Prüfung nicht unabhängig sei, weil der Verband seine Mitgliedsunternehmen begutachte. Stephanie Klee kündigt an, dass für die dritte Stufe des Siegels ein unabhängiges Institut beauftragt werde.

Das größte Problem sieht Huschke Mau bei Zwangsprostitution: "Wie will der Verband herausfinden, ob eine Frau freiwillig arbeitet?" Das werde öffentlich, sagt Simone Goretzki. Denn die Sexarbeiterinnen tauschten sich untereinander aus – ein seriöser Betrieb könne sich keinen schlechten Ruf leisten. Und der kahlrasierte Bordellbetreiber Kekenj-Seke verweist auf die Zusammenarbeit mit Pink, einer Beratungsstelle für Prostituierte vom Diakonischen Werk.