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30. Dezember 2016 21:39 Uhr

Panorama

Warum eine bayrische Familie ein 200 Jahre altes Brötchen besitzt

Eine 1817 nahe Altötting gebackene Semmel wird als Familienerbstück von dem Vermögensberater in Ehren gehalten. 2017 hat das historische Brötchen wohl 200. Geburtstag.

  1. Das uralte Brötchen samt dem dazugehörigen Zettel Foto: dpa

Die Sternsemmel ist kaum größer als ein Plätzchen und steinhart – kein Wunder, stammt sie doch aus der Anfangszeit des Königreichs Bayern. Wer keinen Termin beim Zahnarzt riskieren will, sollte besser nicht hineinbeißen. "Auf das Alter weist ein Zettel hin, der in einem Blechbüchserl lag, in dem sich auch die Semmel befand", erzählt der 51-Jährige. Darauf steht in verblassten lila Buchstaben, dass das Brot Josef Werndl aus Tüßling im Jahr 1817 gebacken hat, dazu der Preis: vier Pfennige.

Werndl war ein Vorfahre von Christian Lerf. Der Bäcker überließ die aufbewahrte Semmel seiner Tochter, die sie wiederum ihren Nachkommen zur Aufbewahrung gab. Irgendwann landete das außergewöhnliche Erbstück bei Christian Lerfs Großmutter in Lenggries nahe Bad Tölz und danach bei dessen Mutter in München-Lochhausen.

Vermutlich wegen Nahrungsknappheit wurde das Brötchen aufbewahrt

Warum aber wurde Bäcker Werndl seinerzeit zum Semmel-Sammler und aß das frische Stückchen Brot nicht einfach auf oder warf es, altbacken geworden, weg? Lerf vermutet einen Zusammenhang mit dem gewaltigen Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa. Eine riesige Aschewolke verdunkelte damals die Sonne derart, dass es im Jahr darauf weltweit Missernten gab.

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Die Geschichtsbücher schreiben von 1816 als dem "Jahr ohne Sonne". Getreide kostete 1817 bis zu viermal so viel wie noch 1815. Es war so knapp, dass die Bäcker zum Strecken von Brot Sand und Kalk in den Teig mischten, wie Lerf in mehreren Interviews über seine Nachforschungen berichtete. Er selbst hat zwar keine Expertise über das tatsächliche Alter der Semmel eingeholt, zweifelt aber aufgrund des beigelegten Zettels nicht an den Angaben.

Dachverband der Bäcker hält das Alter für authentisch

Das sieht auch der Dachverband der bayerischen Bäckerbranche so, bei dem die Uralt-Semmel keine Unbekannte ist. "Wir kennen den Sachverhalt", heißt es beim Landes-Innungsverband in München. Fachleute haben sich dort mit der Historie des geschrumpften Brötchens befasst und sind zu dem Schluss gekommen: "Wir halten das Alter der Semmel für authentisch."

Ein Brotmuseum wollte die wahrscheinlich älteste Semmel zumindest in Bayern schon ausstellen, aber Lerf will sie nicht hergeben. Sie bleibt im Familienbesitz. Lerfs 22-jährige Tochter soll die Uralt-Semmel einmal bekommen: "Die wird ihr aufs Auge gedrückt."

Autor: dpa