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10. April 2010 00:06 Uhr

Plage

Verwilderte Hunde terrorisieren russische Dörfer

Wochenlang haben streunende Hunde ein russisches Dorf terrorisiert. Die Bevölkerung alarmierte die Polizei, die das Problem an Freiwillige delegierte – und ihnen Waffen gab, um sie zu töten. Tierschützer sind empört.

MOSKAU. Doch nur wenige Russen stehen auf ihrer Seite. Denn streunende Hunde sind in dem Land zu einer wahren Plage geworden. Mit dem Fall in Uljanowsk befassen sich außer der Staatsanwaltschaft auch die russischen Medien. Deren Sympathien für die Tierschützer, die harte Strafen für die Schuldigen fordern, halten sich in Grenzen: Streunende Hunde haben sich in Russland zu einer Landplage ausgewachsen, landesweit werden Jahr um Jahr mehrere zehntausend Bisse durch herrenlose Hunde zur Anzeige gebracht. Einige enden für die Opfer tödlich, weil viele Tiere an Tollwut erkrankt sind. Akut gefährdet sind vor allem Bewohner von Großstädten. Dort kennt die Statistik zu Wohnungseinbrüchen seit Jahren nur einen Trend: steil nach oben. Die Beiß-Statistik kopiert die Entwicklungen leicht zeitversetzt. Denn die Masse hat kein Geld für Alarmanlagen und legt sich deshalb einen Schäfer-, Wolfs- oder gar einen Kampfhund zu. Die Tiere werden oft vernachlässigt, schlecht behandelt und zu selten Gassi geführt. Sonst sitzen sie meist allein in Wohnungen von selten mehr als 40 Quadratmetern, werden folglich schnell aggressiv und fallen sogar ihre Besitzer an. Diese setzen sie dann aus.

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Die meisten Hunde schließen sich früher oder später Rudeln an, die in abgelegenen Teilen von Parks leben und dort Jogger und Skiläufer anfallen. Vor allem dann, wenn sie in den Müllcontainern nicht genug Abfälle finden. Auch in der Metro wimmelt es von Hunden – besonders im Winter.

Zwar versuchte Moskau, wo Experten von bis zu 100 000 verwilderten Hunden und 30 000 Bissen pro Jahr ausgehen, das Problem durch Sterilisierung in den Griff zu bekommen. Dazu verabschiedete die Stadtregierung schon 1999 ein auf acht Jahre ausgelegtes Programm mit einem Volumen von 500 000 Euro. 2007 wurde es aber abgebrochen, weil es nicht effizient war. Statt weniger gab es deutlich mehr streunende Hunde. Zudem hatten die in Moskau mit der Sterilisation beauftragte Firmen umgerechnet 400 Euro pro Tier berechnet – deutlich mehr als in Westeuropa üblich. Die Kosten summierten sich so auf das Doppelte dessen, was pro Jahr für die Betreuung von Straßenkindern zur Verfügung steht, wie Michail Barschtschewski, Vertreter der russischen Regierung beim Obersten Gericht, vorrechnet.

Tierschützer wie Irina Nowoschilowa von der Organisation Vita haben es vor diesem Hintergrund schwer, gesetzliche Mindeststandards wie in anderen Ländern einzufordern. Denn Russland hat bis heute kein Tierschutzgesetz. Dem von Duma und Senat vor neun Jahren beschlossenen Entwurf verweigerte Wladimir Putin, damals Präsident und Herrchen der schwarzen Labradorhündin Conny, die Unterschrift und verlangte Nachbesserungen: Unter anderem Kennmarke und eine Hundesteuer forderte Putin. So sollten die Besitzer zu mehr Verantwortung erzogen werden. Statt die Anpassungen vorzunehmen, trat das Parlament die Vorlage im Jahr 2009 dann aber definitiv in die Tonne. Ein neues Projekt ist bisher nicht in Sicht. Und die streunenden Hunde wildern weiter.

Autor: Elke Windisch