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08. Juni 2017 08:25 Uhr

Umweltschutz

Welttag der Meere: Ein Ökosystem vor dem Kollaps

Die Ozeane sind der Lebensraum zahlloser Tiere und Pflanzen , sie liefern die Nahrungsgrundlage für Milliarden Menschen und filtern schädliche Klimagase. Doch Vermüllung und Klimawandel setzen dem Ökosystem zu.

  1. Immer mehr Plastikmüll verschmutzt die Meere – und wird im besten Fall an die Strände gespült. Foto: dpa

Mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche werden von Ozeanen bedeckt. Sie sind die Grundlage des Lebens auf der Erde. Aber das sensible Ökosystem ist gefährdet durch Verschmutzung, Klimawandel, Überfischung und wirtschaftliche Nutzung. Und dieses Problem ist nicht auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt ist, sondern trifft alle Meere gleichermaßen.

"Wir sprechen vom Atlantischen, vom Pazifischen und Arktischen Ozean, aber eigentlich gibt es nur ein Weltmeer. Alle Ozeane sind miteinander verbunden", sagt Boris Worm. Der aus Deutschland stammende Meeresökologe ist Professor an der Dalhousie-Universität in Halifax an Kanadas Atlantikküste. "Der ganze Weltozean ist von dramatischen Veränderungen betroffen." Fischfang, über Jahrtausende nur entlang der Küsten üblich, wird heute weltweit und bis in die Tiefsee betrieben. Die langen Schleppnetze der Fischtrawler zerstören Korallen und Schwämme. An den Küsten expandieren Aquakulturen, ebenso Gas- und Ölförderung und Schifffahrt.

"Der Ozean ist unverzichtbar für Leben auf der Erde", betont das "International Programme on the State of the Ocean" (IPSO). Der Ozean liefert Lebensmittel für mehr als drei Milliarden Menschen, er erzeugt etwa die Hälfte des Sauerstoffs, den die Lebewesen verbrauchen, und er absorbiert etwa ein Viertel der von Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen, wie IPSO sowie der Weltklimarat (IPCC) berichten. IPSO mahnt, dass die traditionellen Ressourcen an Land angesichts des möglichen Anstiegs der Weltbevölkerung auf zwölf Milliarden Menschen bis 2100 nicht ausreichen werden, um die Nachfrage nach Ressourcen, seien es Lebensmittel oder Energie, zu decken.

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Dem größten Ökosystem der Erde widmet der Weltklimarat in seinem Bericht 2014 viel Raum. Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven war einer der koordinierenden Autoren eines Ozeankapitels: "Die Ozeane sind unerlässlich für den Wärmehaushalt des Globus und die Regulation des Klimasystems. Sie nehmen über 90 Prozent der Wärme auf, die sich auf der Erde anstaut. Dadurch gleichen sie die Temperaturen in der Atmosphäre aus und stabilisieren das Klima."

Der Klimawandel aber verändert die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse im Meer. Dies wirkt sich auf die Lebewesen im Ozean und auf die verschiedenen Ökosysteme aus. Die Arktis etwa erlebt einen drastischen Schwund von Meereis vor allem im Sommer und einen deutlichen Verlust an Eisdicke. Kleine Inselstaaten in der Südsee müssen den Anstieg des Wasserspiegels und langfristig den Verlust von Küstengebieten befürchten. Fischbestände verlagern ihren Lebensraum. Forscher beobachten Wanderungsbewegungen in Richtung der Pole zu kühleren Gewässern. Dies könnte die Nahrungssicherheit in tropischen Entwicklungsländern gefährden, meint das IPCC.

Kohlendioxid gehört zu den Haupttreibern des Klimawandels, und Ozeane nehmen einen Großteil des von Menschen produzierten CO2 auf. Wissenschaftler stellen jedoch einen Trend zur Erwärmung in vielen marinen Ökosystemen fest, vor allem in der oberen Wasserschicht. Ein geringerer Austausch an Gasen und Nährstoffen zwischen den Wasserschichten und die Bildung von Zonen mit Sauerstoffmangel kann die Folge sein.

Plastikmüll gelangt durch

Nahrung auf dem Teller

In den Blickpunkt der Umweltdebatte ist auch die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll gerückt. Daher ist dies jetzt der Schwerpunkt des am heutigen Donnerstag proklamierten "Welttags der Meere". Das UN-Umweltprogramm UNEP hat den "Krieg gegen Ozean-Plastik" ausgerufen. Eine weltweite Kampagne soll bis 2022 die wichtigsten Quellen von Meeresmüll beseitigen: Mikroplastik in Kosmetika und den "exzessiven, verschwenderischen Verbrauch" von Plastik, das nur einmal verwendet wird. "Plastikmüll gelangt durch die Nahrungskette bis auf unsere Teller. Wir haben zu lange zugesehen, während das Problem schlimmer wurde", sagt UNEP-Chef Erik Solheim. Fische und Meeressäugetier verfangen sich in Müll, sie werden stranguliert oder gehen elend zugrunde, wenn sie Müll verschlucken.

Laut UN landen jährlich mehr als acht Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen und verursachen Schäden von acht Milliarden Dollar. Bis zu 80 Prozent des Mülls in den Ozeanen bestehen aus Plastik. Setzt sich die Verschmutzung im bisherigen Maße fort, wird es in den Ozeanen 2050 mehr Plastik als Fische geben und 99 Prozent der Meeresvögel werden Plastik geschluckt haben, schätzt die UNEP.

"Wir haben vor Jahren die Verwendung von Pestiziden wie DDT gestoppt, die die Vögel bedroht haben. Wir sind an einem ähnlichen Wendepunkt", sagt Meeresbiologe Boris Worm. Hunderte Arten sind nach den letzten veröffentlichten Zählungen bedroht durch Plastik und Mikrofasern, die sich im Gewebe von Fischen und Meeressäugetieren festsetzen. Weltweit werde jedes Jahr so viel Plastik produziert wie das Gewicht aller Menschen zusammen – mehr als 300 Millionen Tonnen. "Die Botschaft an diesem Welttag der Meere muss demnach lauten: Jeder Einzelne muss helfen, die Verschmutzungskrise zu beenden – die Produzenten, der Vertrieb, die Entscheidungsträger in der Politik, die Verbraucher. Wir müssen die Plastikflut in unseren Ozeanen stoppen", betont Worm.

Autor: Gerd Braune