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28. Oktober 2008

Zum letzten Mal "Manege frei"

Der "Circus Barum" hat nach 130 Jahren seine letzte Vorstellung gegeben / Der Direktor geht in Rente, die Nachfolger fehlen

  1. Gerd Siemoneit-Barum Foto: dpa

  2. Ein Schriftzug mit Tradition: Den „Circus Barum“ gibt es seit 1878, am Sonntag endete die Geschichte des Familienbetriebs. Foto: dpa

NORTHEIM (dpa). Vor 1200 Zuschauern hat der "Circus Barum" am Sonntagabend nach 130 Jahren seine letzte Vorstellung gegeben. Der 77-jährige Zirkusdirektor Gerd Siemoneit-Barum geht in den Ruhestand. Seine Kinder wollen den Familienbetrieb vorerst nicht übernehmen.

Gerd Siemoneit-Barum hatte sich fest vorgenommen, an seinem letzten Arbeitstag keine Trauer zu zeigen. "Ich habe endlich Zeit, mir ein Fußballspiel im Stadion anzugucken", gibt sich der 77-Jährige vor der Abschiedsvorstellung im niedersächsischen Northeim betont gelassen. Erst als die endgültig letzte Vorstellung anfängt, verschwindet das Lächeln. Er steht am Eingang des Zirkuszelts, fernab der Scheinwerfer. Im Halbschatten schaut er auf die Manege. Seine Manege, seit 36 Jahren. Und während die Kinder über den Clown Petit Gougou lachen, rollt dem Zirkusdirektor eine Träne über die Wange.

Die Zuschauer bekommen davon nichts mit. Sie erleben eine rasante und bunte Show. Erst kommen die Lamas, dann die Kamele, und schließlich springen die Lamas über die Kamele. Es folgen ein Jongleur aus Spanien und die Flugkünstler "Flying Costa" aus Brasilien, die mit ihrem Salto mortale das Publikum begeistern. Es ist eine klassische Zirkusshow, und genau das ist das Problem für die Kinder von Gerd Siemoneit-Barum. Sie wollen den Betrieb von ihrem Vater nicht übernehmen. "Wer in Zukunft erfolgreich sein will, muss am Konzept des Zirkus etwas ändern", sagt Rebecca Siemoneit-Barum, die seit 1990 die Iffi Zenker in der Fernsehserie "Lindenstraße" spielt. Ihr Bruder Max ergänzt: "Wir bleiben aber in der Unterhaltungsbranche und haben viele Ideen."

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Der Zirkus, der 1878 von einem Tierhändler gegründet wurde, beschäftigt 100 Mitarbeiter. Die meisten von ihnen sind Saisonkräfte, die nun versuchen müssen, bei anderen Unternehmen unterzukommen. Außerdem gehören 60 Tiere zum "Circus Barum". Darunter ist auch ein dreieinhalb Tonnen schwerer Nashornbulle, der seit mehr als 30 Jahren mit dem Zirkus durch die Welt reist. Einen Teil der Tiere übernimmt Rebecca Siemoneit-Barum in ihre Event-Agentur. Die anderen Tiere würden in verantwortungsvolle Hände übergeben.

Mit der Abschiedsvorstellung am Sonntagabend sind für Gerd Siemoneit-Barum 62 Jahre Zirkusleben zu Ende gegangen. 1946 riss der damals 15-Jährige von zu Hause aus und heuerte beim "Circus Williams" an. Zu Anfang spülte er Gläser und bediente den Manegen-Vorhang, doch er arbeitete sich hoch und trat wenige Jahre später erstmals als Reiterakrobat auf. International bekannt wurde er als Raubtierdompteur, 1972 kaufte er schließlich "Circus Barum".

Mit 77 Jahren geht er jetzt in den Ruhestand. "Ich bin nicht in einem Wohnwagen geboren, und ich möchte auch nicht in einem Wohnwagen sterben", sagte Siemoneit-Barum. Er wolle seine Karriere an einem Punkt beenden, an dem er seinen Ruhestand noch genießen könne. An diesem Abend kommt sein Auftritt zum Schluss. Von Teelichtern umrahmt tritt er vor das Publikum. Er hält eine kurze Abschiedsrede, dann ist alles vorbei. Erst als die meisten Zuschauer nach Hause gegangen sind, kommt Gerd Siemoneit-Barum auf den Zeltvorplatz. Er weiß, dass am nächsten Morgen das Zelt abgebaut wird. Er kennt das seit 62 Jahren. Nur diesmal ist es für immer.

Autor: dpa