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05. Juli 2010
Graffiti in der Carhartt Gallery: „Ein Stück von der Straße“
Graffiti in der Galerie – Unverblümte Kunst aus zahlreichen Ländern in Weil am Rhein: die Ausstellung "Public Provocations".
Wie Teile einer Mauer hängen drei Betonplatten an der Wand. Bunte Farbbögen aus der Sprühdose ziehen sich über den Untergrund und enden im Nichts. Ausschnitte von Straßenkunst, hereingetragen in die Galerie. Sprühlack auf Beton. David Lucco aus Basel (26), Kunststudent und als Graffitikünstler unter dem Namen Ders bekannt, zeigt in seiner Arbeit "Ders a piece" auf der "Public Provocations"-Ausstellung in der Weiler Carhartt Gallery , was passiert, wenn die Kunst der Straße in geschlossenen Räumen ausgestellt wird. "Ich bringe ein Stück von der Straße hier rein. Aber das ist dann nicht mehr Straßenkunst", sagt Lucco.
Seine Betonplatten hat er selber gegossen. Sein Graffiti, sagt er, habe durch die Kunstschule gelitten. Weil der Kopf nicht mehr frei sei. Aber die neue Art der Öffentlichkeit auf Ausstellungen und Galerien gefällt ihm: "Es ist ja ein Ziel von Street-Art-Künstlern, berühmt zu werden. Insofern ist das hier auch ein Teil davon."
Die Macher der "Public Provocations"-Ausstellung wollten in Weil bei der zweiten Auflage wieder die einflussreichsten Künstler der Szene zusammenbringen. Kurator Sigi von Koeding war im Frühjahr im Alter von 41 Jahren gestorben. Sein bester Freund Wolfgang Krell und seine Freundin Francesca Fresta haben Koedings Arbeit gemeinsam mit Bianca Boticelli, Rudi Anker und Kevin Reinhart von Carhartt weitergeführt. Die "Suche nach der Verarbeitung" sei das für das Team gewesen, sagt Wolfgang Krell.
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Nur mit einer Ausstellungsbox, die seine letzten Arbeiten unter dem Künstlernamen Dare zeigt, verabschieden sie sich von einem der bedeutendsten Graffiti-Künstler Deutschlands. Sein berühmter Dare-Schriftzug zieht sich durch alle Arbeiten, mal in Pink- und Rosatönen, mal düster, aber immer kräftig und klarlinig.
Es sei schwierig gewesen, Sigi von Koeding bei der Künstlerauswahl gerecht zu werden, sagt Wolfgang Krell. Authentizität sei das wichtigste in einer Szene, in der so viel kopiert wird wie in der Straßenkunst. Die Unverblümtheit von Graffiti, Stencil, also Schablonenkunst, und Street Art macht den Reiz aus, findet er. "Nach der Pop Art ist das die nächste große Kunstbewegung", sagt der 41-Jährige. Künstler wie Banksy hätten längst die Türen der Galerien für die junge Kunst aufgestoßen. Höhepunkte der aktuellen Ausstellung sind die Werke von Delta und Mode2, Künstlern, die schon seit den Anfängen dabei sind.
Aber auch auf weniger bekannte Originale sind die Aussteller stolz. A1one ist extra aus dem Iran zur Ausstellungseröffnung angereist. Er trägt ein grünes T-Shirt. In der Farbe der iranischen Oppositionsbewegung. Das sei zwar ein Zufall, sagt er, aber immerhin ein guter. Schließlich gelte er wegen seiner Kunst als Regierungsgegner, seinen Namen will der 28-Jährige deshalb auch nicht in der Zeitung lesen. "Manche Menschen denken, Amerika bezahlt mich dafür, dass ich male. Nur weil es Graffiti-Kunst ist", sagt A1one. Seine Werke sind Schablonen von Kopftuch-Mädchen und Kalligraphie auf alten Fotoaufnahmen von betenden Männern und frechen iranischen Jungs. Als er angefangen hat, auf der Straße zu malen, vor neun Jahren, da wusste er gar nicht, was Graffiti ist. Im Iran war das kein Begriff. Aber dem jungen Künstler fehlte jede Perspektive. Als Teil der "burned Generation" hatte er für seine Kunst – vor allem traurige Porträts – keine Plattform. "Ich wollte unbedingt gesehen werden. Also malte ich auf der Straße", sagt A1one. Allein Gebäudemalereien wie die von Diego Rivera in Mexiko dienten ihm als Vorlage. Ein Freund der Familie musste aus Deutschland kommen, damit A1one schließlich erfuhr, dass er Graffiti malte und damit nicht alleine war. Heute hat er Ausstellungen rund um die Welt.
Kalligraphie, Sprühlack auf Beton, bemalte Metalldeckel – so machen Straßenkünstler Kunst für geschlossene Räume. In den Ausstellungsboxen der Carhartt-Gallery haben die Künstler bestickte Kissen, besprühte Bildschirme, bemalte Rahmen ausgestellt. Videos ergänzen manche Werke oder sind integriert, die Kunst tritt über die Rahmen hinaus, auch Wände sind bemalt. Und die Urbanität bleibt auf der kühlen Fläche mit Lagerhallen-Charme bemerkenswert gut erhalten.
– Carhartt Gallery, Weil am Rhein, Schusterinsel 9. Bis 30. Oktober, Di bis Fr 11–19 Uhr, Sa 11–18 Uhr.
Autor: Sarah Nagel
