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14. November 2017 00:01 Uhr

Freiburg

Patricia Kopatchinskaja mit Schumann beim Albert-Konzert

Rituale müssen sein. Bevor Patricia Kopatchinskaja den ersten Ton spielt, schlüpft sie aus ihren Pantöffelchen. Weshalb? Dafür habe sie keine Erklärung, sagte die Geigerin in einem Interview.

  1. Exzentrische Geigerin: Patricia Kopatchinskaja Foto: Marco Borggreve

Sie könne auf dem Konzertpodium einfach nur barfuß spielen: "Man müsste einen Psychiater fragen, was das bedeutet." In gewisser Weise ist das die Brücke zu Robert Schumann. Sein sperriges Violinkonzert liegt ihr sehr am Herzen, man weiß es. Zwei Seelenverwandte? In jedem Fall zwei Exzentriker, zwei Unbequeme, zwei aus Florestans und Eusebius’ romantischer Zauberwelt. Bei Kopatchinskajas Auftritt im ausverkauften Freiburger Albert-Konzert zusammen mit dem London Philharmonic Orchestra und dem französischen Dirigenten Alain Altinoglu jedenfalls spürt man von Anbeginn an, dass das erst in jüngerer Vergangenheit auf dem Konzertpodium reüssierende Schumann’sche Spätwerk für die Geigerin immer wieder so etwas wie den Akt einer schmerzvollen Wiedergeburt bedeutet. Die Expressivität des Kopfsatzes, sein archaischer und gleichsam revolutionärer Grundzug passen zu dieser Nonkonformistin. Und die enormen technischen Herausforderungen, zumal im Finale, sind für Kopatchinskaja wie ein ultimativer Kick, ein verwegener Parforceritt über die vier Saiten. Famos!

Schwer zugänglich bleibt die Musik indes. Zumal Altinoglu und das Orchester bei den Tuttipassagen eine massive Gangart einschlagen, was die Musik angesichts Schumanns überschaubarer Instrumentationskunst nicht unbedingt vielschichtiger macht. Beim Schlusssatz halten sie sich an die extrem langsame Metrum-Vorgabe des Komponisten, und so tritt diese merkwürdige, in ihrem melodischen Material beschränkte Polonaise massiv auf der Stelle. Fast wie eine Erlösung wirkt da Kopatchinskajas Zugabe, die luzide, in Flageoletts blitzende zweite der sechs Solocapricen von Salvatore Sciarrino.

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Vielleicht wirkt der Orchesterklang auch deshalb so schwerfällig, weil zuvor mit Ravels Le Tombeau de Couperin die Musik eines Zauberers der Orchestration erklingt: mit elegant sich schlängelnden Holzbläserlinien, flirrenden Streicherklängen und magischen Harfen-Aperçus. Die vornehme Distinguiertheit dieser neoklassischen Musik ist für den Maestro aus Paris und die Universalisten aus London eine echte Steilvorlage. Angesichts solch (positiver) Energie gerät auch ein sinfonisches Urgestein wie Tschaikowskys Pathétique nicht in Gefahr, von Routine verschlissen zu werden. Altinoglu zieht alle Register des Seelenschmerzes, und aus dem Orchester vernimmt man delikate Sololeistungen (Klarinette!).

Eine kaum spürbare Distanz zum Gegenstand bleibt dennoch: Auch wenn Tschaikowsky der westlichste aller russischen Romantiker war – zwischen St. Petersburg, Paris und London liegen Gefühlswelten.

Autor: Alexander Dick