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01. Dezember 2010 17:56 Uhr

Ausverkaufte Reithalle

Peer Steinbrück stellt sein Buch "Unterm Strich" vor

Am Dienstagabend hat der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in Offenburg vor rund 500 Gästen aus seinem Buch "Unterm Strich" gelesen und im Gespräch mit BZ-Chefredakteur Thomas Hauser unter anderem deutlich gemacht, warum der Wohlstand und die soziale Stabilität in Deutschland in höchster Gefahr sind.

  1. Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück im Gespräch mit BZ-Chefredakteur Thomas Hauser. Foto: Christoph Breithaupt

Offenburg war die einzige Station in Baden auf Steinbrücks Lesereise durch 14 deutsche Städte. Dass nicht Freiburg oder Karlsruhe zum Zug kamen, sondern "das kleinste Oberzentrum", war laut Bürgermeister Christoph Jopen Günter Berg zu verdanken. Mit dem Verleger von Hoffmann & Campe verbinde Offenburg der Europäische Übersetzerpreis, der gemeinsam mit dem Hause Burda vor fünf Jahren aus der Taufe gehoben worden war.

Jopen machte in seiner Begrüßung das Dilemma deutlich, in dem die Politik im Großen wie im Kleinen oft stecke: Die Erwartungen der Bürgerverlangten oft mehr, als bei solider, generationengerechter Finanzierung vertretbar sei. Wie kurzweilig die Diskussion über derlei schwere Themen sein kann, machten die durch zwei kurze Lesungen unterbrochenen Ausführungen Steinbrücks im Gespräch mit Thomas Hauser deutlich.

Mehrere Themenblöcke wurden gestreift: Die Finanzkrise und die Folgen: "Dass Deutschland am Ende dieser Krise besser dasteht, ist ganz wesentlich der Politik von Peer Steinbrück zu verdanken", bescheinigte Hauser. Die Finanzhilfe für Irland und jüngste Spekulationen über Italien vermittelten indes das Gefühl, "das ist ein Thema, das nicht endet".

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Dazu stellte Steinbrück klar: "Kein anderes Land als die Bundesrepublik hat ein so massives Interesse an einer stabilen europäischen Währung." Deutschlands Wachstum sei extrem exportorientiert: "47 Prozent unserer Wirtschaftsleistung generieren wir im Export." In Japan seien es gerade mal 22 bis 24 Prozent, in den USA 12 bis 15. Kein anders Land sei so darauf angewiesen, "keine Währungsrisiken an der Backe zu haben." Zu diesem ökonomischen Argument komme hinzu, dass der Euro nicht nur Zahlungsmittel sei, sondern auch ein Symbol für die europäische Integration. Müsste man im Urlaub wieder mit Drachmen, Lire oder Peseten bezahlen, so würde dies die europäische Integration um Jahre zurückwerfen.

"Als Land mit neun direkten Nachbarn sollten wir dafür Sorge tragen, dass es diesen Nachbarn gut geht, denn dann geht es auch Deutschland gut." Die Politik müsse das tun, so Steinbrücks Ausweg, was auch die Märkte getan haben: "Sie müssen sich internationalisieren." Nur im Zusammenwirken mit anderen Staaten könnten die exzessiven Finanzkräfte "domestiziert und diszipliniert werden".

Sind Deutschland und Europa auf dem absteigenden Ast? Aus Steinbrücks Sicht verlagert sich das dynamische Geschehen aus dem europäisch-atlantischen Raum in einen asiatisch-pazifischen, und das zu einem Zeitpunkt, "an dem Europa nicht in Bestform ist". In Deutschland gehe man immer noch davon aus, dass das Wohlstandsniveau weiter wachsen werde, so Steinbrück, "trotz der demografischen Entwicklung und der Tatsache, dass der Berufseinstieg immer später erfolgt, die Lebensarbeitszeit abgenommen hat und die Lebenserwartung deutlich gewachsen ist." Für Steinbrück ist "keineswegs ausgemacht, dass wir unsere Position behaupten können."

"Ein Pulk von Läufern, die schnell näher kommen und uns zu überholen suchen." Steinbrück über die asiatischen Konkurrenten für Europa
Der weltweite Wohlstand werde neu verteilt, und das Wachstumspotenzial der Aufsteiger übertreffe das der Europäer um ein Vielfaches: "Das bedeutet, dass wir uns anstrengen müssen." Aus seinem Buch zitierte der Finanzexperte: "Die neuen Mitbewerber haben schnell gelernt: Sie sind jung, ehrgeizig und belastbar. Ein Pulk von Läufern, die schnell näher kommen und uns zu überholen suchen. Sie kennen sich inzwischen mit dem Strom aus, der Wohlstand speist – dem Strom von Know-how, Kapital, Rohstoffen und Energie, Gütern und Menschen, die qualifiziert und kaufkräftig sind."

Steinbrück und die SPD: Dass die SPD in ihrem derzeitigen Zustand, so Thomas Hauser, "nicht gerade die Partei ist, die man sich an die Regierung wünscht", wies Steinbrück nicht zurück. Die SPD hadere zu oft mit sich selbst und habe zu wenig Vertrauen zu dem, was sie – Stichworte Rente mit 67 und Hartz IV – vorangebracht habe. Zudem könne nur Karriere machen, wer auf einem Parteitag oder einer Delegiertenkonferenz den parteiverträglichen Kodex der SPD am besten singen könne: "Wer das nicht tut, wird mit Liebesentzug bestraft." Die Partei müsse sich stärker öffnen und Kandidaten anbieten, die eine größere Alltagsnähe zu den Wählern haben: "Sonst kann es sein, dass es schwer wird, 30 Prozent plus wieder zu gewinnen."

Politik und die Medien: Einig waren sich Hauser und Steinbrück in der Sorge darüber, dass die Medienunternehmen zunehmend unter wirtschaftlichen Zwängen leiden. "Quote und Auflage beeinflussen zunehmend die Qualität der Berichterstattung", so Steinbrück, der bei den Medien einen Trend zu Personalisierung, Banalisierung und Skandalisierung sieht. Zudem gehe die Trennung von Bericht und Kommentar häufig verloren: "Das ist unsaubere Arbeit", so Steinbrück. Veröffentlichungen wie zuletzt durch Wikileaks könnten zudem schädigend wirken: "Politik muss gelegentlich auch einen Raum haben, in dem sie abwägen kann, ohne dass dies gleich verbreitet wird." Auch in Berlin sei eine der am meisten verbreiteten Krankheiten die "politische Inkontinenz".

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Autor: Helmut Seller