Peinliche Prüfungspanne

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

Sa, 11. August 2018

Freiburg

Freiburger Jurastudierende haben für eine Hausarbeit eine Aufgabe gestellt bekommen, deren Lösung schon veröffentlicht wurde.

FREIBURG. Eifrige Jurastudierende haben drei Tage vergeblich gearbeitet: An der Uni Freiburg wurde eine Hausarbeit im Öffentlichen Recht zurückgezogen, weil eine Lösung des Falls bereits in einer Fachzeitschrift veröffentlicht worden war. Das Dekanat stellt sich hinter den Dozenten.

Ein Mann begehrt bei der zuständigen Behörde die Erteilung einer Reisegewerbekarte, um auf regionalen Märkten Textilien zu verkaufen – darum geht es im Sachverhalt, den Jurastudierende der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in einer Hausarbeit für die Fortgeschrittenen-Übung im Öffentlichen Recht ("Größer Öff") lösen sollten.

Studierende, die sich gleich an die Arbeit machten, stellten fest: Der vorgelegte Sachverhalt und Teile der Lösung waren schon 2014 veröffentlicht worden. "Die Lösung konnte man leicht über die Datenbank Beck-online finden, indem man bestimmte Schlagworte eingab", sagt Jurastudentin Linda P. (Name von der Redaktion geändert). Bei der Recherche für die Hausarbeit stieß sie auf einen gleichlautenden Fall in der Zeitschrift "Juristische Arbeitsblätter" (JA 2014/356), veröffentlicht von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unter dem Namen "Der unzuverlässige Textilienhändler."

Dass eine Lösung des Falls existiert, wurde auch am zuständigen Institut für Öffentliches Recht bemerkt: Drei Tage nach der Veröffentlichung der Aufgabe kam der Rückruf. "Wir haben uns nach Rücksprache mit dem Prüfungsamt entschlossen, den am 27.7.2018 veröffentlichten Sachverhalt der Hausarbeit zurückzuziehen", steht in der Mitteilung auf der Website. Vergleicht man die Sachverhalte aus Freiburg und Mainz, fallen marginale Unterschiede auf. So wurde in der Freiburger Version die Stadt verändert und der Protagonist mit einem anderen Buchstaben bezeichnet. Gestellt hatte die Aufgabe Privatdozent Carsten Kremer in Vertretung von Professorin Silja Vöneky, der Direktorin des Instituts für Öffentliches Recht.

War der Sachverhalt also ein Plagiat? Der Studiendekan der juristischen Fakultät stellt sich vor den Dozenten. "Herr Kremer verwendete die Aufgabe für die Hausarbeit mit ausdrücklicher Zustimmung des Urhebers in einer modifizierten Fassung", erklärt Professor Frank Schäfer auf Nachfrage in einer schriftlichen Stellungnahme. "Es war weder dem Urheber noch Herrn Dr. Kremer bekannt, dass ein ehemaliger Mitarbeiter des Urhebers die Aufgabe nebst Lösung in einer Ausbildungszeitschrift veröffentlicht hatte", heißt es dort weiter. Weil Privatdozent Kremer die Hausarbeit sofort zurückgezogen habe, nachdem er von der Publikation erfuhr, habe er das Urheberrecht gewahrt. "Auch ist ihm keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorzuwerfen", so Schäfer. Kremer verweist bei Rückfrage auf die Stellungnahme seines Dekans.

Für die Jurastudierenden des vierten und sechsten Semesters ist der Vorfall trotzdem mehr als ärgerlich. Hausarbeiten sind im Jurastudium zeitaufwendiger als in anderen Fächern. Die Bearbeitung eines Falls für einen großen Schein bedeutet vier bis fünf Wochen kontinuierlicher wissenschaftlicher Arbeit in Vollzeit. Der Sachverhalt war ohnehin eine Woche später als angekündigt veröffentlicht worden, jetzt gab es weitere Verzögerungen.

Die Hausarbeiten in den Fortgeschrittenenübungen können nur zwischen den Semestern geschrieben werden. Im Semester davor oder danach muss außerdem eine Klausur bestanden werden, um den "Großen Öff" zu erhalten. "Sollte ich aufgrund Zeitmangels diese Hausarbeit nicht bestehen, verfällt meine bestandene Klausur, das heißt, ich darf nächstes Semester Klausur und Hausarbeit erneut schreiben", sagt P. Damit würde sie ein ganzes Semester verlieren und möglicherweise nicht im Herbst mit der Examensvorbereitung beginnen können.

Der Lehrstuhl ist den Studierenden nun entgegengekommen. Ein neuer Sachverhalt wurde am 10. August 2018 veröffentlicht; der Termin um eine Woche vorverlegt, nachdem Studierende protestiert hatten. Außerdem wurde die Bearbeitungszeit der Aufgabe bis zum 23. Oktober 2018 verlängert.