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13. Oktober 2017

"Dorfstraßen voller Drecklöcher"

Lesung aus Pfarrer Deichelbohrers Verkündbuch im Columbasaal in Pfaffenweiler / Detailtreue bei der Beschreibung des Dorfs.

  1. Seine Schrift ist sicher nicht von jedermann zu lesen, seine Schilderungen aber für jeden verständlich: das Verkündbuch von Karl Deichelbohrer. Foto: Louis Groß

  2. Benno Dierenbach, Heinrich Eckerle und Alfred Nienhaus (von links) lesen aus dem Verkündbuch. Foto: Louis Groß

  3. Gespannt lauschten die Zuhörer der Lesung. Foto: Louis Gross

PFAFFENWEILER. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat der ehemalige Pfarrer Karl Deichelbohrer in einem Verkündbuch festgehalten, wie er die Entwicklung des Dorfes Pfaffenweiler während der Zeit zwischen 1952 und 1963 miterlebt hat. Mit großem Interesse lauschten nun rund 70 Zuhörer einer Lesung aus diesem Werk im Columbasaal. Gelesen wurde von Benno Dierenbach, Alfred Nienhaus und Heinrich Eckerle, die damit das Buch zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierten.

Das Verkündbuch

Penibel genau berichtet Pfarrer Karl Deichelbohrer in seinem Verkündbuch über den Zustand der Gemeinde Pfaffenweiler und wie er sie bei seinem Amtsantritt 1952 vorgefunden hatte. Er beschreibt die Gegebenheiten in der Pfarrei, Prozessionsrituale und das Schulleben. Kritisch betrachtet er den damaligen Rebbau und das Herbstgeschäft, auch erzählt er von den willkommenen Veränderungen, die mit der Gründung einer Winzergenossenschaft einhergingen.

Auf Umwegen gerieten diese Aufzeichnungen in die Hände von Pfarrgemeinderat Alfred Nienhaus, woraufhin dieser den Inhalt des Verkündbuches digitalisierte – über die Jahre hat sich die Schrift so sehr verändert, dass das Original für den heutigen Leser nur noch mit Mühe zu entziffern ist. Nienhaus wiederum gab die Schriften Bildungswerksleiter Benno Dierenbach zu lesen, der sich überwältigt vom Informationsreichtum der Aufzeichnungen zeigte. Es fiel der Entschluss, das Stück Zeitgeschichte öffentlich zu präsentieren. Die Erlaubnis hierfür wurde bei der Nichte des verstorbenen Pfarrers Deichelbohrer eingeholt.

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Die Zuhörer im Columbasaal lauschten gespannt, als die ersten Sätze von Deichelbohrers Verkündbuch gelesen wurden: "Die Häuser machten einen verwahrlosten Eindruck, kein Haus sauber verputzt, die Fensterläden nicht gestrichen, die Dorfstraßen nicht geteert und voller Drecklöcher." So beschreibt Pfarrer Deichelbohrer Pfaffenweiler bei seiner Ankunft. Er lässt kein gutes Haar am Zustand des Dorfs: "Als ich es zum ersten Mal sah, war ich leicht erschüttert." Dies sollte sich jedoch im Laufe seiner Aufzeichnungen noch ändern.

Der Weinbau

Gelesen wurden die Abschnitte, die den Wein betreffen, von Winzer Heinrich Eckerle. "1953 war der Zustand der Reben schlecht", schreibt der Pfarrer. Sämtliche Rebstöcke seien von der Reblaus befallen. Nur eine Traubensorte, der Gutedel, sei angebaut worden. Zudem eigneten sich die Wege, die vor Jahrhunderten angelegt worden waren, nur zum Begehen oder für ein Kuhfuhrwerk, nicht jedoch für eine Zugmaschine. Die Traubenlese 1953 ging so vor sich: Mit dem Läuten der Rathausglocke wurde im Hinterhof beim Stierstall die sogenannte Herbstgemeinde einberufen. Dort schrien und stritten die Leute darüber, wann die Lese beginnen sollte. Am Ende wurde abgestimmt. Wer für den Herbst sei, möge nach rechts, die anderen nach links gehen. "Die Dummköpfe wollten natürlich möglichst früh herbsten und die Vollreife der Trauben nicht abwarten", schildert der Pfarrer schriftlich das Geschehen. Lachen erfüllte während der Schilderung den Columbasaal.

Es sei das Bestreben gewesen, den Herbst möglichst schnell in die Trotte zu bringen, oftmals auch mit der Hilfe von Fremden. Diese wollten bezahlt werden und etwas geboten bekommen. Abends fanden oftmals Tanz- und Theaterveranstaltungen statt. Innerhalb kürzester Zeit sei der Herbst eingebracht worden, und die Fremden waren laut Deichelbohrer Tag und Nacht beschäftigt. Er selbst schlug vor, das Herbstgeschäft in die Länge zu ziehen, die Fremden wegzulassen, den Abendrummel einzustellen und alles aus eigenen Kräften zu stemmen. Es wäre unkomplizierter und billiger, fand er.

Zehn Jahre später: Mittlerweile habe ein Herbstausschuss die Herbstgemeinde abgelöst, schreibt Deichelbohrer. Dieser begehe die Reben, stelle den Reifegrad und Fäulnis fest und setze daraufhin den Herbstbeginn nach Sorten und Lagen an. Die Wege seien nun geteert und mit dem Auto befahrbar. Und: "Mit der Glocke wird nicht mehr geläutet", schreibt Deichelbohrer. Durch Neuanpflanzungen der Sorten Silvaner, Rotburgunder, Gutedel und Traminer habe sich der Herbst auf drei bis vier Wochen verteilt und werde bis in die Allerheiligentage hinausgezogen. Tanz und Theater während der Traubenlese seien mittlerweile unvorstellbar. Den Großteil der Trauben übernehme die Winzergenossenschaft, beschreibt Deichelbohrer – selbst Trotten, Abfüllen und Verkaufen würden keine drei Winzer mehr im Dorf.

Dass er die Einführung der Winzergenossenschaft gut heißt, daraus macht der Pfarrer, der, wie er schreibt, bis zum 24. Februar 1961 bei allen Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen anwesend war, keinen Hehl. Er beschreibt die Vorteile folgendermaßen: Abgesehen davon, dass das abendliche Trotten, das Pflegen und Verkaufen des Weins und das Risiko des Verkaufs wegfielen, seien noch andere Dinge durch den Zustand in Ordnung gebracht worden. "In Pfaffenweiler wurde viel getrunken", schreibt er. Man rede heute noch nicht vom Vespern oder von Brotzeit, sondern vom "Zninetrinke", was so viel bedeute, wie um 9 Uhr den Abendtrunk einzunehmen. So drei "Häfele" voll habe jeder normale Mann pro Tag getrunken. Wobei ein Häfele ungefähr einem Liter entsprach. Oft war der Haustrunk in diesem Fall Wein. "Daneben gab es auch solche Männer, denen 3 Häfele pro Tag nicht reichten. Das waren nicht wenige!", schreibt der Pfarrer weiter. Nachdem die Trauben bei der WG abgeliefert seien, sei schlicht und ergreifend kein Wein mehr im Keller. Erneut brach im Columbasaal Gelächter aus.

Der Pfarrer

Mit großem Interesse lauschten die 70 Zuhörer der teilweise sehr humorvollen und detailreichen Darstellung. Er habe auch schon mal für zehn bis zwölf Leute bestuhlt, sagt Dierenbach im Anschluss der knapp anderthalbstündigen Lesung. Er hoffe, der Applaus gelte dem Pfarrer Deichelbohrer, er habe sich schließlich die ganze Arbeit gemacht. Im Text komme gut zur Geltung, was Deichelbohrer neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit für das Dorf geleistet habe, sagte Dierenbach. Viele Anwesende kannten den Pfarrer noch aus Schulzeiten – Anlass für den Austausch von Anekdoten. Betont wurde seine Hartnäckigkeit und sein Geschick in Verhandlungen. Vor der Theologie habe er zunächst zwei Semester Jura studiert. Eine strenge Persönlichkeit sei er gewesen und habe viel Wert auf Disziplin gelegt, erzählte eine Zuhörerin. So habe er darauf bestanden, dass Mädchen im Unterricht Schürzen trugen, andernfalls sei man nach Hause geschickt worden. Trotz der strengen Art sei der Pfarrer ein herzensguter Mensch gewesen, der außerhalb der Schule immer etwas Süßes für die Kinder dabei gehabt habe.

Autor: Louis Groß