Pflanzer suchen neue Wege

Ulrike Derndinger

Von Ulrike Derndinger

Fr, 15. Juli 2011

Neuried

Jochen Adam aus Altenheim erklärte seinem Gast aus Freiburg die Lage der Tabakpflanzer.

NEURIED-ALTENHEIM. Der Tabak auf Neurieder Feldern ist reif. Doch statt sich auf die Ernte zu konzentrieren, sind die Pflanzer gezwungen, weiter zu denken. Ab diesem Jahr fallen 60 Prozent Mengenprämie der Europäischen Union (EU) weg, der Rest wird bis 2013 abgebaut. Vom Freiburger Regierungspräsident Julian Würtenberger erhoffen sich die Pflanzer politische Unterstützung. Am Mittwoch besuchte er die beiden Großbetriebe Jochen Adam und Ralf Anselm in Altenheim.

Eine regionale "Adam"-Zigarette, das könnte doch ein Rettungsanker sein, schlug Regierungspräsident Würtenberger vor. Sogar er würde dann jeden Tag eine rauchen. Doch die Entwicklungskosten für eine Zigarette gingen in die Millionen – das geben die Kassen der Tabakbauern nicht her.

So muss Pflanzer Jochen Adam andere Ideen verfolgen, um seinen Betrieb rentabler zu machen. Gerade probiert der junge Landesvorsitzende des Tabakbauverbands aus, wie viel er mit einem Wärmetauscher einspart. Die Ernte seiner 82 Hektar Tabak der Sorte Virgin wird in 25 Öfen auf dem Betriebsgelände an der Kirchstraße getrocknet. Pro Saison muss Adam dafür rund 140 000 Euro für Gas, Strom und Heizöl berappen. Der Wärmetauscher, über den Abwärme rückgewonnen und wieder zugeführt wird, soll die Kosten drosseln.

Seit die Europäische Union die Prämienzahlungen zurückgefahren hat, sind die deutschen Tabakbauer direkt am Markt und müssen Preise verhandeln. "Das ist Neuland für uns", sagte Jochen Adam im Beisein des Regierungspräsidenten. Die Verhandlungen bezeichnete er damals gegenüber der Presse als mühsam. Mit dem Ergebnis können die Bauern noch zufrieden sein: Dieses und nächstes Jahr nimmt eine Handelsfirma den Tabak für 3,50 Euro pro Kilo ab.

"Das ist Neuland für uns"

Jochen Adam über

die Situation der Tabakpflanzer
2009 bekam er noch 4,30 Euro, davon zahlte allerdings die EU 2,50 Euro. Jetzt zahlt die Handelsfirma zwar fast das doppelte wie zuvor, dennoch bleibe bei Produktionskosten zwischen 3,30 und 3,70 Euro pro Kilo nicht viel übrig, sagte Jochen Adam. An Investitionen sei nicht zu denken. Berufskollege Ralf Anselm geht es mit seinen 40 Hektar Tabakanbaufläche nicht anders. An seinem Hof machte Julian Würtenberger ebenfalls Halt. Der Regierungspräsident zeigte sich aufgeschlossen – als "visionärer Träumer" machte er lobenswerte Vorschläge. Pflanzer Jochen Adam nahm sie freundlich entgegen, auch wenn der junge Landwirt sie schon fast alle durchgerechnet hat. Laut Adam lohne es sich etwa nicht, die Öfen auf Gabelstaplern zur Biogasanlage der Badenova zu transportieren, um die Abwärme zu nutzen. Sie reiche nicht für alle Pflanzer. In Neuried, der Gemeinde mit der größten Anbaufläche in Baden-Württemberg, wird zwischen 500 und 600 Hektar Tabak, fast zu hundert Prozent der Sorte Virgin, angebaut.

Wolfgang Moritz, Geschäftsführer des Landesverbandes Baden-Württembergischer Tabakpflanzer räumte ein, dass ein Pilotprojekt mit der Biogasanlage denkbar sei, aber er schränkte ein: Mit den Einsparungen könne man keine großen Sprünge machen. Er erinnerte dagegen: Deutscher Tabak sei von hoher Qualität. Das müsse der Industrie ein guter Preis wert sein. Also doch die regionale Zigarette? Warum nicht auf den Zug der Regionalisierung aufspringen? Jochen Adam gab sich an der Kaffeetafel im Café Lager, gemeinsam mit dem Regierungspräsidenten und Bürgermeister Gerhard Borchert, kämpferisch: "Die Zeit ist eigentlich reif."

Bis dahin muss der Regierungspräsident mit der Ortenau-Zigarre überbrücken. Das Produkt, in dem Neurieder Tabak verarbeitet ist, bekam er als Souvenier aus Neuried geschenkt.