"Platz für Geschichten und Schicksale"

Tanja Bury

Von Tanja Bury

Do, 13. September 2018

Titisee-Neustadt

BZ-INTERVIEW mit Alexandra Kobzew zur Veranstaltungsreihe "Heimat in Vielfalt".

HOCHSCHWARZWALD. Einblicke geben, um Perspektiven zu öffnen, mit Vorurteilen abzuschließen und Vielfalt zu zeigen – das will eine Veranstaltungsreihe, die Geflüchtete und ihre Geschichten in den Blick nimmt. Neben einem Filmabend bietet "Heimat in Vielfalt" vier Vortragsabende, welche die Menschen anlocken sollen. Warum, hat Alexandra Kobzew, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Löffingen und eine von drei Organisatorinnen der Reihe, im Interview mit Tanja Bury erläutert.

BZ: Wie sieht die Situation der Flüchtlinge im Hochschwarzwald derzeit aus?
Kobzew: Die eine Aussage darüber kann man nicht machen. In jeder Kommune ist es anders. In Löffingen ist viel Ruhe eingekehrt, nachdem dieses Jahr keine neuen Geflüchteten gekommen sind und die rund 50 vor allem syrischen Menschen, die meine Klienten sind, jetzt versuchen, hier Fuß zu fassen. Es geht darum, endlich selbstständig und unabhängig leben zu können. Dazu braucht es Arbeit und eine Wohnung. Die Suche nach Wohnraum gestaltet sich in allen Kommunen schwierig, weil es einfach wenig Angebote gibt. Ein schwieriges und sensibles Thema in Neustadt sind die drohenden Abschiebungen von Gambiern. Die Helfer haben die Geflüchteten unterstützt, in Arbeit gebracht – und müssen jetzt sehen, dass das vielleicht alles umsonst war. Das macht was mit den Leuten. Sie fragen sich, was ihr ehrenamtliches Engagement denn wert ist.
BZ: Was erwartet die Besucher bei "Heimat in Vielfalt"?
Kobzew: Es geht uns darum, ihnen Einblicke in Länder zu geben, aus denen Menschen zu uns nach Deutschland geflohen sind – und so Verständnis zu wecken, Dinge zu erklären und zu zeigen, wie Menschen es schaffen können, hier Heimat zu finden. Wie interessant das ist, habe ich vergangenes Jahr beim Volkstrauertag gesehen, als ein syrisches Ehepaar in Löffingen über seine ganz unmittelbaren Kriegserlebnisse berichtet hat. Rund 70 Leute waren da, der Saal war voll. Jetzt haben wir uns angeschaut, woher in der Hauptsache die Geflüchteten kommen, die im Hochschwarzwald sind. Das sind Gambia, Eritrea, Afghanistan und Syrien. Um diese Länder wird es in den Vorträgen gehen. Neben Helfern sind vor allem Bürger angesprochen, die bislang nicht engagiert sind und keine Berührungspunkte mit Geflüchteten haben.
BZ: Wer hält die Vorträge?
Kobzew: Das ist ganz unterschiedlich. Über Gambia wird ein Helfer aus Staufen berichten, der sich mit dem Land sehr gut auskennt. Für den Afghanistanabend haben wir eine Afghanin gewinnen können, die schon lange hier lebt und in Freiburg im afghanischen Verein engagiert ist. Sie betreut in ihrer alten Heimat verschiedene Projekte. Außerdem bringt sie einen jungen Landsmann mit, der als unbegleiteter Minderjähriger hierher kam, den sie bei sich aufgenommen und dessen Integrationsprozess sie begleitet hat. Über Eritrea wird ein Eritreer berichten, der heute in Freiburg lebt. Für den Vortrag über Syrien haben wir zwei junge Männer aus Freiburg eingeladen, die den dritten Platz beim BigFM-Integrationspreis belegten.
BZ: Werden an den Abenden auch die Vorkommnisse in Chemnitz und die dadurch neu angefachte Integrationsdebatte thematisiert?
Kobzew: Wir stellen es den Referenten natürlich frei, ob sie dazu etwas sagen wollen. Aber unsere Zielsetzung für die Veranstaltungsreihe ist nicht, über Politik zu diskutieren. Das geschieht schon genug. Wir wollen Platz für Geschichten, Erfahrungen, Erlebnisse und einzelne Schicksale schaffen.

Alexandra Kobzew (27) ist Sozialarbeiterin, seit April 2017 Flüchtlingsbeauftragte in Löffingen. Zudem gehört sie seit Februar zum Team der Integrationsmanager der Diakonie. Zum 1. Oktober wechselt sie beruflich nach Freiburg.