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14. Mai 2016

Poesie zwischen Abstraktion und Realismus

Intagliotypiedrucke und bearbeitete Fotografien von Ulli Obrecht sind bis 8. Juni im Gundelfinger Rathaus zu sehen.

  1. Ulli Olbrecht (links) fachsimpelt mit Ulrike Bach. Foto: Erich Krieger

GUNDELFINGEN. Das Foyer des Gundelfinger Rathauses ist mit Präsentationswänden, die entlang der Längsseiten quer stehen, ziemlich vollgestellt. In der Mitte ist nur eine schmale Schneise freigehalten, in der die zahlreichen Besucher der Vernissage der jüngsten Ausstellung des Kunstvereins Gundelfingen gedrängt sitzen und manche Schwierigkeiten haben, freie Sicht nach vorne zu bekommen. "Poetische Natur" hat Ulli Obrecht ihre Auswahl von Drucken und verfremdeten Fotos genannt, die bis zum 8. Juni im Entree des Rathauses zu sehen sind.

Ulrike Bach, Vorsitzende des Kunstvereins, stellt die Künstlerin vor, lässt sie vor allem selbst reden. Man erfährt, dass sie Autodidaktin ist und immer schon gerne gezeichnet und gemalt hat, die Belastungen ihres Lehrerberufs jedoch eine stringente künstlerische Praxis nicht erlaubt hätten. 2007 habe sie mit Acrylmalerei begonnen und erste Aufträge erhalten. Dies genügte ihr nicht, und ihr weiterer Werdegang verlief rasant. Sie lernte Schweißen, stellte Metallplastiken her, erste Ausstellungen kamen. Sie besuchte in Augsburg Kurse in Drucktechniken, entdeckte dabei die etwas kryptisch klingende Intagliotypie. Bei diesem aus Amerika stammenden Verfahren funktionierten Belichten und Entwickeln der Druckplatten völlig giftfrei, und die strukturellen Muster auf der Platte bräuchten nur noch eingefärbt und schließlich gedruckt werden. Bei ihren Arbeiten sehe sie sich als Grenzgängerin zwischen abstrakt und real. Sie verfremde reale Motive, oft aus der Natur, durch ihre speziellen Techniken und aus diesem Spannungsverhältnis erwachse erst Poesie. Seit ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst 2011 und dem Bezug eines Ateliers in Au habe sie optimale Arbeitsbedingungen und erlebe ständig neu, wie grenzenlos die Freiheit in der Kunst sei. Und in der Tat: Bei den Drucken werden schemenhafte Umrisse von Naturformen wie Bäumen zum Beispiel durch Typografie gebrochen oder verweigern sich in Super-Close-ups dem einfachen Wiedererkennen. Die Fotografien, zumeist Blätter oder Blüten, verschleiern ihren realen Kern in gekonnt inszenierter Unschärfe. Die dabei verwendete Technik wollte Obrecht nicht preisgeben. In beiden Genres bieten die ausgestellten Werke dem Betrachter reichlich Anreiz, die eigene Gedanken- und Sinneswelt in Bewegung zu setzen und sich auf einen kreativen Erkenntnisprozess einzulassen. Das ist viel.

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Umrahmt wurde die Eröffnung durch eine ironische Lesung von Ute Wehrle aus ihrem Freiburg-Krimi "Bächle, Gässle, Mord" über eine Vernissage, bei der das Nassauern am kalten Buffet, Männer- und Frauenpirsch und extrovertierter Smalltalk die Hauptrollen spielten – amüsant, aber zum Glück ohne Parallele im Gundelfinger Foyer. Ebenfalls sehr angenehm die gekonnten Duette der beiden jungen Klarinettistinnen Jennifer Reinholz und Katharina Wieseler.

Die Ausstellung kann bis 8. Juni während der Öffnungszeiten des Rathauses besucht werden: Montag bis Donnerstag 8 bis 12 Uhr, Montag auch 14 bis 17 Uhr, Mittwoch 14 bis 18 Uhr und Freitag 8 bis 12.30 Uhr.

Autor: Erich Krieger