Politiker ohne Superkräfte

epd

Von epd

Do, 17. Januar 2019

Kino

DRAMA: Jason Reitman porträtiert den Amerikaner Gary Hart.

Für das Amt des amerikanischen Präsidenten scheint es 1988 keinen aussichtsreicheren Kandidaten zu geben als Gary Hart. Der gutaussehende demokratische Senator von Colorado ist smart, souverän und volksnah. Bis Journalisten des Miami Herald behaupten, dass der prinzipienstrenge Ehemann seine Gattin betrog. Heute ruft der Skandal von damals nur noch Achselzucken hervor – daher auch nähert sich Regisseur Jason Reitman der Affäre um Hart nur indirekt an. "Der Spitzenkandidat" ist kein typischer Hollywoodfilm. Zwar wird Hart vom glamourösen Ex-Wolverine-Darsteller Hugh Jackman verkörpert, der aber hat als Politiker keine Superkräfte mehr.

Der analytische Ansatz des Films zielt nicht auf Menschliches, allzu Menschliches. An die Stelle der dramatischen Nachzeichnung des Fehltritts und dessen schmerzliche Folgen setzt Reitman eine im Robert-Altman-Stil gefilmte, hektische Dauerbetriebsamkeit. Gezeigt wird das permanente Gewusel von Journalisten um den Politiker herum. Die Reporter sind in dieser Adaption von Matt Bais Buch "All the Truth is out" keine Helden, die das Beste der amerikanischen Kultur verkörpern – sie sind gesichtslose Hyänen. Mit investigativem Furor brachen sie damals einen ungeschriebenen Code. Bis zu diesem Fall hatten Reporter nie aktiv Seitensprünge recherchiert, um Politikern daraus einen Strick zu drehen. Dass Journalisten Gary Hart damals bespitzelten, war ein Novum.

"Der Spitzenkandidat" ist ein unbequemer, sperriger, aber dennoch sehenswerter Film über einen Politiker, der zwischen zwei Lagern zerrieben wurde: Die Konservativen maßen Hart an seinem hohen moralischen Anspruch, dem er nicht gerecht wurde. Die linke Frauenbewegung lehnte seinen Ehebruch als machohaften Machtmissbrauch ab.

"Der Spitzenkandidat" (Regie: Jasen Reitman) läuft in Freiburg. Ab 0.