"Diese Nacht überlebst du nicht!"

Marco Kupfer

Von Marco Kupfer

Sa, 11. Januar 2014

Polizei Emmendingen

VOR GERICHT: Sie essen Raclette und trinken Wein, dann schlägt ein Mann seine Freundin brutal zusammen.

EMMENDINGEN. Weil er seine Exfreundin brutal misshandelt und lebensgefährlich verletzt hat, muss sich ein 51-Jähriger vor dem Amtsgericht Emmendingen verantworten. Auch der Schwester und dem Vater des Opfers fügte er erhebliche Verletzungen zu. Aufmerksame Nachbarn überwältigten ihn schließlich.

Am 26. Dezember 2011 rastete er vollkommen aus, schlug seine damalige Freundin fast tot. Jetzt sitzt der hagere Mann mit dem schütteren grauen Haar auf der Anklagebank. Er trägt Brille, ist frisch rasiert und groß gewachsen. Ein Durchschnittstyp.

Sein Opfer sagt als erste Zeugin aus. Sie hat ihn bei einer Kur kennengelernt. 2003 war das, beide hatten Kinder und wollten sich von ihren Partnern trennen. Sie zogen gemeinsam in ein Dorf im Landkreis. Einige Wochen vor der Tat unterzieht sich der Mann wieder einer Kur. Er ist manisch depressiv, hat in acht Jahren zwei Mal versucht, sich umzubringen. Auch diese Kur bringt eine neue Liebschaft. Es ist nicht das erste Mal, er hat seine Freundin schon oft betrogen. In ihrer Familie ist das kein Geheimnis, sein Verhältnis zu ihren Angehörigen ist belastet. Sie hat ihm immer verziehen.

Er fährt zur Geliebten.

Sie packt seine Koffer.

Dann wird gegessen.

Am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertages richtet ihm seine Freundin die Koffer. Nicht, weil sie sich von ihm trennen möchte, sondern weil er eine Reise zu seiner Geliebten plant. Nach Dresden soll es gehen. Eine Frau aus Berlin ruft an, auch dorthin möchte er. Nun sind es zwei Affären. "Ich war innerlich sehr verletzt", sagt die Exfreundin. Trotzdem packt sie seine Sachen: "Er war wie ein unselbständiges Kind". Sie habe aber an die Beziehung geglaubt – und er habe ihr zuvor auch Hoffnungen gemacht.

Gegen Abend zahlt er ihr das Geld zurück, das sie ins gemeinsame Haus gesteckt hat. Offensichtlich will er einen Schlussstrich ziehen. "Er hatte so einen fröhlichen Singsang in der Stimme", erinnert sich das Opfer. Die beiden essen Raclette, sie richtet seine Pfännchen. Dazu trinken sie Wein, später ein Glas Sekt, es ist fast schon ein normaler Abend. Einen Schnaps habe sie noch getrunken und er eine Flasche Marillenlikör, sagt sie. Er sei bester Laune gewesen und vertrage Einiges. Dann kommt es zum Streit.

Plötzlich greift er sie an, wird rasend. Auf Ohrfeigen folgen Faustschläge. Körperlich ist der Mann der damals 47-jährigen, zierlichen Frau überlegen. Er packt ihren Kopf und schlägt ihn mehrfach gegen den Fliesenboden, ihre Nase bricht und blutet. Sie wehrt sich und beißt ihm in den Finger. "Diese Nacht überlebst du nicht", droht er – und knebelt sie mit einem dreckigen Lappen. Er hält ihr die Nase zu. "Ich hatte Atemnot und habe um mein Leben gerungen", sagt sie.

Dann lässt er sie wieder atmen, schleift sie ins Badezimmer und wirft sie in die Wanne. Dort übergießt er sie mit Wasser, Blut spritzt an die Wand. "Er hat mir oft erzählt, wie sein Vater ihn früher mit dem Gürtel schlug, bis Blut an die Fliesen spritzte", erinnert sie sich. Der Mann, sagt sie, habe ein Problem mit Macht – und nun Macht ausüben können. "Jetzt putz, du warst auch mal schneller", soll er geschrien haben. In einem ruhigeren Moment greift sich das Opfer ihr Handy. Sie ruft ihre Schwester an, sagt nur ein Wort: Komm! Dann endet das Gespräch.

Die Schwester ruft zurück. Inzwischen hat der Peiniger den Notruf bemerkt und nimmt ab. "Mit einer fröhlichen Singsang-Stimme sagte er mir, es sei alles in Ordnung und dass sie einen schönen Abend hätten", erinnert sich die Schwester. Sie glaubt ihm nicht und fährt hin. Klingel und Telefon sind abgestellt. Sie trommelt gegen die Rolläden, ruft um Hilfe. Der Angreifer kommt heraus und will sie lautstark wegschicken. Sie gibt nicht auf. Er stößt sie um. Sie fällt auf eine Kante und zieht sich Rippenprellungen zu. Nachbarn eilen herbei. Die Schwester des Opfers habe um Hilfe geschrien und geklopft, sagen sie. Wieder geht die Tür auf, doch diesmal können zwei Männer den Angreifer festhalten. Das Opfer kriecht aus der Wohnung und wird im Nachbarhaus versorgt. Der Täter scheint sich etwas zu beruhigen.

Der inzwischen alarmierte Vater der beiden Schwestern kommt hinzu. "Ich bin öfter hingefahren, es war ja immer was", erinnert er sich. Er weiß nicht, dass seine Tochter in Sicherheit ist. Auf dem Weg ins Haus trifft er den Täter. "Er sah aus wie ein Löwe, hatte einen starren Blick", erzählt er. Der Täter greift ihn an. Der Vater stürzt, bricht sich das Becken, schlägt sich den Kopf auf. Er wird ins Nachbarhaus gebracht. Dann kommt die Polizei. Die ist auch vom Angeklagten gerufen worden. "Ich habe meine Frau blutig geschlagen, ich habe sie fast umgebracht", sagte dieser.

Die Tat ist zwei Jahre her. Inzwischen, sagt der Vater, gehe es ihm nach zwei Operationen am Becken wieder gut. Die Schwestern sind in psychiatrischer Behandlung. "Ohne Schlafmittel geht gar nichts", sagt die Exfreundin. Der Täter hat ihr einen Schädelbruch zugefügt, sie erlitt eine Hirnblutung, konnte aber ohne Operation behandelt werden. Sie hatte Probleme, in ganzen Sätzen zu sprechen. Jetzt redet sie ganz ruhig. Sie ist erwerbsunfähig.

"Ich möchte nicht, dass er bestraft wird", sagt sie zu Richter Günter Schmalen und den Schöffen. "Er weiß, was er getan hat." Sie habe Angst, er könnte im Gefängnis denken, sie sei an allem Schuld. Angst vor der Zeit danach. Die beiden sehen sich nicht an.

Der Beschuldigte möchte sich zu den Taten nicht äußern. Sein Anwalt verliest eine Erklärung, in der sich der Angeklagte reumütig zeigt. Seine Schuld habe er das ganze Leben zu tragen, seine Taten seien nicht zu entschuldigen. Es ist ein weitgehendes Geständnis. Nur die Tötungsabsicht und einen Teil der Prügelattacken außerhalb des Hauses streitet er ab. Er hat allen Schmerzensgeld gezahlt, freiwillig. Während die Zeugen aussagen, sitzt der Mann ruhig da. Manchmal atmet er schwer oder sieht zu Boden. Einmal weint er, ganz kurz. Seine Exfreundin sagt, es sei in den acht Jahren nicht alles schlecht gewesen. "Es war auch mal Liebe da."

Zwei Verhandlungstage sind vorbei. Elf Zeugen haben ausgesagt, ein Gerichtsmediziner, ein Psychiater. Unklar ist, ob eine Anklage wegen versuchten Totschlages ein großes Thema wird, weil sich der Vater des Opfers bei seinem Sturz auch am Hinterkopf verletzt hat.

Der Prozess wird am 22. Januar fortgesetzt.