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19. März 2009 17:21 Uhr

Etikettenschwindel

Praxistest: Gibt es in Freiburg noch echte Frischmilch?

Frisch, frischer, am haltbarsten: Wer derzeit ratlos vor dem Kühlregal steht, ist in guter Gesellschaft. Frischmilch, H-Milch, ESL-Milch – was ist was? Die BZ hat nachgehakt und den Praxistest gemacht. Wo gibt’s in Freiburg noch Frischmilch?

  1. Was macht den Unterschied? Foto: dpa

Kleiner Praxistest. Die Aufgabe ist überschaubar: Frischmilch einkaufen. Erster Stopp ist beim Bio-Supermarkt Alnatura an der Kaiser-Joseph-Straße. Na also, da hätten wir doch schon Schwarzwälder Bioland Vollmilch – aber Moment mal: 16 Tage haltbar? Frische Milch ist doch höchstens eine Woche frisch. Ein diskret angebrachtes Schild weist darauf hin: ESL-Verfahren – also ein relativ neues Verfahren namens "Extended Shelf Life", das längere Haltbarkeit bedeutet. Diese Milch wurde länger erhitzt als Frischmilch, hat kaum weniger Vitamine, Eiweiß oder Mineralstoffe und schmeckt trotzdem nicht nach H-Milch.

Trotzdem, wir wollten ja Frischmilch kaufen. Weiter geht’s zu Aldi an der Habsburgerstraße, zu Edeka Neukauf an der Engelbergerstraße und zu Migros an der Kaiser-Joseph-Straße – und überall zeigt sich: Frischmilch zu finden ist ganz schön schwierig geworden. Erstens, weil es kaum noch echte Frischmilch in den Regalen gibt, und zweitens, weil Käufer auch bei genauem Hinschauen kaum erkennen, dass sie da eigentlich ESL-Milch kaufen. Da stehen dann nämlich auf dem Etikett nur so schöne Bezeichnungen wie "länger frisch", "maxi-frisch" oder "extra langer Frischegenuss".

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ESL-Milch steht oft unerkannt im Kühlregal

"Schleichenden Etikettenschwindel" hat denn auch die Bundesverbraucherzentrale der Milchwirtschaft und dem Einzelhandel vorgeworfen. Immer mehr ESL-Milch stehe unerkannt und unerkennbar in den Regalen. Früher wurden bundesweit 60 Prozent H-Milch verkauft und 40 Prozent Frischmilch. Heute sind es 60 Prozent H-Milch, 12 Prozent Frischmilch und bereits 28 Prozent ESL-Milch – Tendenz steigend. Aldi, Lidl und Penny haben schon gar keine Frischmilch mehr im Angebot. Warum? Wenn geschmacklich frische Milch länger haltbar ist, können Molkereien sie auch weit entfernt billig einkaufen – zum Beispiel in Rumänien – und länger transportieren – zum Beispiel nach Freiburg. Lange Transportwege also – und eine miese Ökobilanz.

Wer sicher gehen will, dass er möglichst frische lokale Produkte kauft, hat es da schwer. Deshalb hat das Bundesministerium für Verbraucherschutz die Milchindustrie und den Einzelhandel zur Kennzeichnung gedrängt: Bei Frischmilch soll "traditionell hergestellt" auf dem Etikett stehen, bei ESL-Milch "länger haltbar". Das soll nun auch geschehen – freiwillig. Bis jetzt sucht man allerdings vergeblich danach. Die Breisgaumilch immerhin will ihre Milch von der zweiten Aprilhälfte an korrekt etikettieren. Wobei Jürgen Kniebühler von Breisgaumilch darauf hinweist, dass die hauseigene ESL-Milch nach dem aufwändigen Mikrofiltrierungs-Verfahren hergestellt wird und eine Öko-Bilanz nicht zu fürchten brauche: "Wir beziehen ausschließlich von Schwarzwälder Milchbauern und müssen nichts dazukaufen", so Kniebühler.

Bis andere Molkereien dem Wunsch des Verbraucherschutzministeriums folgen, bleibt den Verbrauchern nur, sich zu informieren und genau hinzuschauen. Wie beim Praxistest: Zu guter Letzt fand sich dann doch noch echte Frischmilch – in der Glasflasche der Breisgaumilch.

INFORMATIONEN ZUM THEMA
Frischmilch oder "traditionell hergestellte" Milch ist ungeöffnet rund eine Woche haltbar. Frischmilch wird für 15 bis 30 Sekunden auf 72 bis 75 Grad erhitzt (pasteurisiert).
"Länger frische" Milch oder ESL-Milch ist ungeöffnet etwa drei Wochen haltbar. Dazu wird sie entweder mit heißem Dampf hocherhitzt (zwei Sekunden auf bis zu 127 Grad) oder mikrofiltriert (nur der Fettanteil wird hocherhitzt, der Rest sehr fein filtriert).
H-Milch oder UHT-Milch ist mehr als drei Monate haltbar. Dazu wird sie für einige Sekunden auf mehr als 140 Grad ultrahocherhitzt.

Autor: Simone Lutz