Bankbetrug

Prominenter indischer Diamantenhändler betrog Bank um 1,8 Milliarden Dollar

Willi Germund

Von Willi Germund

Di, 27. Februar 2018 um 14:30 Uhr

Panorama

Er galt als einer der bekanntesten Diamantenhändler Indiens: Nirav Modis Glitzersteine schmücken weltweit Promis. Doch sein Reichtum basiert auf einem riesigen Schwindel.

Seine Schmuckstücke zieren Hollywood-Schönheiten, doch jetzt ist der indische Diamantenhändler Nirav Modi Teil einer aus seiner Sicht ausgesprochen unschönen Finanzaffäre. In einem der größten Betrugsfälle in der Geschichte des Landes soll er gemeinsam mit Komplizen eines der bedeutendsten Kreditinstitute des Landes um fast zwei Milliarden Dollar erleichtert haben.

Auf der Liste der reichsten Inder hat es der Diamantenhändler Modi laut US-Magazin Forbes auf Platz 85 gebracht. Die Spezialität des 47-jährigen Sohns einer Diamantenhändlerdynastie aus Mumbai: Edelsteine für Hollywood-Größen wie Kate Winslet und die Hauptdarstellerin des Erotikfilms "50 Shades of Grey", Deborah Johnson. In einem Werbevideo für seine luxuriöse Filiale in Hongkong sagt er: "Ich verarbeite so wenig Metall wie möglich, damit die Diamanten zu schweben scheinen."

Der wohl größte Bankbetrüger in der Geschichte Indiens

Auf einer anderen Rangliste in seiner Heimat soll es Modi Ermittlern zufolge sogar auf Rang eins geschafft haben: Er ist der wohl größte Bankbetrüger in der Geschichte des Landes. Der in der Diamantenhochburg Antwerpen geborene Vater von drei Kindern ist im Januar samt Sippe spurlos untergetaucht. Die indischen Behörden gehen davon aus, dass er den größten Teil seines Vermögens einem jahrelang existierenden Betrugsring verdankt. Er soll die öffentliche Punjab National Bank (PNB), eines der größten Institute des Landes, um 1,8 Milliarden Dollar gebracht haben. Inzwischen beschlagnahmten die Ermittler einen Rolls-Royce und eine sündhaft teure Wohnung in Mumbais bester Gegend. Dort hatte der mutmaßliche Betrüger, der erst 2010 sein eigenes Juwelenlabel "Nirav Modi" gegründet hatte und seither schnell expandierte, sieben Apartments zu einer Wohnung samt Meerblick umbauen lassen.

Ein Dutzend Verdächtige wurden in dem Fall mittlerweile verhaftet. Die Behörden haben noch keine offizielle Anklage gegen den Händler erhoben, beschlagnahmten aber vorsichtshalber nahezu seinen gesamten in Indien greifbaren Besitz. Auch sein Pass wurde eingezogen.

Der wichtigste Komplize beim mutmaßlichen Beutezug: Mehul Choksi, Modis Onkel. Er soll 22 Briefkastenfirmen besitzen, die größtenteils auf die Namen von nichtsahnenden Slumbewohnern eingetragen sind. In einem Brief an seine Angestellten klagt "Pappu" (Hindikosename für Papa), dass er wie Neffe Nirav Modi wegen der Ermittlungen nun kaum in der Lage sein dürfte, seine Schulden zu bezahlen. "Am besten ist es, wenn Sie sich neue Jobs suchen", schrieb der ebenfalls untergetauchte Choksi, der bisher für seine spendablen Gaben an Politiker und Beamte bekannt war.

Der Schwindel flog auf, nachdem bei der PNB-Bank ein Manager in Rente gegangen war, der Teil des Betrugsrings gewesen sein soll. Er hat laut Ermittlern jahrelang vorbei an den offiziellen Kanälen und außerhalb des Computersystems der Bank Bürgschaften an die beiden Diamantenhändler vergeben. Diese Bürgschaften führten dazu, dass indische Banken im Ausland der örtlichen Firmenniederlassung von Nirav Modi immer weiter Kredit zur Verfügung stellten – in Form von Bargeld für den Import exquisiter Diamanten. In Mumbai kümmerte sich derweil jahrelang niemand darum, diese Außenstände einzutreiben.

Der Skandal schadet dem Ansehen indischer Banken

Als der Manager in Rente gegangen war, wandte sich einer der Komplizen des Diamantenhändler-Duos forsch an dessen Nachfolger – wobei er mehr Geldgier als Verstand an den Tag legte. Er verlangte die üblichen Bürgschaften. "Wir hatten noch nie ein Problem mit den Briefen", soll der Mann dem Nachfolger von Modis Komplizen bei der Bank berichtet haben. Der wurde stutzig und schlug Alarm.

Der Börsenkurs der betroffenen Bank ist mittlerweile abgestürzt. Finanzexperten in Indien fürchten, dass der Skandal das Finanzsystem der größten Demokratie der Welt weiter in Verruf bringen könnte. Indiens Banken gelten traditionell als schlecht geführt und schwach. Premierminister Narendra Modi, der nicht mit dem mutmaßlichen Bankbetrüger verwandt ist, hat nun ein Imageproblem. Ein Foto vom Weltwirtschaftsforum im Januar zeigt den Regierungschef auf einem Gruppenfoto mit seinem grinsenden Namensvetter Nirav.