Schweiz

Prozess um Vierfachmord in Rupperswil – Angeklagter soll schwer gestört sein

Christiane Oelrich, dpa

Von Christiane Oelrich & dpa

Di, 13. März 2018 um 19:40 Uhr

Aargau

Ein Gewaltverbrechen entsetzt die Schweiz 2015: Vier Menschen werden ermordet, das Haus danach angezündet. Der mutmaßliche Täter steht jetzt vor Gericht. Es ist ein unscheinbarer Mann, den Psychiater als Psychopathen beschreiben .

Tief hat das Gewaltverbrechen die Schweiz erschüttert, Monate dauerte die Suche nach dem Täter, Schock dann bei der Festnahme: Es war ein Mann aus der Nachbarschaft, ein Jugendtrainer im Fußballverein. Jetzt steht der 34-Jährige vor Gericht.

Graues Hemd, Jeans, feste Stimme, wenig Regung - so erleben ihn die Gerichtsreporter. Seelenruhig gibt der Mann Mord und Missbrauch eines seiner Opfer, eines 13-jährigen Jungen, zu. Er spricht ausführlich über seine Gemütslage vor und nach der Tat. Es fällt schwer, die unauffällige Erscheinung mit dem kaltblütigen Mord aus der Anklageschrift in Einklang zu bringen. Psychologen beschreiben ihn als Narzisst, einen Blender mit schwerer Persönlichkeitsstörung. Warum er nach den ersten beiden Morden nicht aufgehört habe, fragen ihn die Richter. "Es war wie eine Leere", sagte der Angeklagte. Es sei ihm nicht möglich gewesen, aufzuhören.

Die Tat drei Tage vor Weihnachten hat sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft so zugetragen: Der Angeklagte soll sich als Mitarbeiter des schulpsychologischen Dienstes ausgegeben und so ins Haus einer 48-Jährigen keine 500 Meter von seinem eigenen Haus in Rupperswil gelangt sein. Er bedrohte den Vorwürfen zufolge die Frau und ihre Söhne (13 und 19) sowie die Freundin des Älteren.

Dann soll er die Mutter gezwungen haben, Geld von der Bank zu holen. Eine Überwachungskamera filmt die Frau angespannt am Bankschalter. Wie der Mann vor Gericht einräumt, brachte er erst den älteren Sohn, der sich aus seinen Fesseln befreit hatte, und dessen Freundin um, indem er ihnen die Kehle durchschnitt. Die Frau und den 13-Jährigen soll er auf gleiche Weise ermordet haben, nach er sich sexuell an dem Jungen vergangen hat. Das Haus soll er nach der Mordtat in Brand gesteckt haben und geflohen sein.

Aus Angst vor dem Versagen spinnt er ein Netz aus Lügen

Zwei Psychiater haben versucht, hinter die Fassade des Mannes zu blicken, der in Rupperswil zwischen Basel und Zürich junge Fußballspieler trainierte und sich als Student ausgab. Die Gutachter beschreiben einen gefährlichen Narzissten, einen Pädophilen mit schwerer psychischer Störung. Einen, der sich aus Versagensangst in ein Lügengespinst verrennt.
Die Mutter soll nicht erfahren, dass er sein Studium geschmissen hat. Bekannten gaukelt er vor, er werde Arzt. Die Angst aufzufliegen, sei allumfassend gewesen, sagt ein Psychiater. Hinzu komme seine pädophile Neigung. In der Anklageschrift steht, dass der Mann die Grausamkeiten an dem 13-Jährigen mit dem Handy filmte und sich das Video monatelang immer wieder auf dem Laptop anschaute.
Die Rupperswiler lebten damals 146 Tage in Angst und Schrecken. Es gab erst keine Hinweise auf den Täter. Spekulationen machten die Runde: Eine Beziehungstat? Der Ex-Mann vielleicht? Ein Raubmord? Ein Triebtäter? Die Ermittlungsbehörden schlossen nichts aus. Derweil soll der Angeklagte das von seinem Opfer erpresste Geld verprasst haben: Am Abend nach der Tat ging er mit Fußballfreunden ins Steakhaus, in einem Spielcasino zockte er, und seine Mutter lud er zu deren 60. Geburtstag nach Paris ein.

Schwierige Ermittlungen

Weil der heute 34-Jährige nicht vorbestraft war und seine Fingerabdrücke oder DNA nirgends gespeichert waren, waren die Ermittlungen schwierig. Schließlich führte ein akkurates Täterprofil von Psychologen zum Erfolg. Im Mai 2016 wurde er festgenommen. Die am Tatort genommenen Fingerabdrücke stimmten mit seinen überein.

Am Tag vor dem Prozess hatte die Staatsanwaltschaft bekanntgemacht, wie konkret der Angeklagte schon nächste Taten geplant haben soll. Das bestreitet er im Prozess. Aber laut Anklageschrift soll er einen Tag vor seiner Festnahme die Wohngegend eines weiteren Jungen ausgespäht haben, zu einem anderen Jungen habe er akribisch Notizen gemacht. Die Anwälte der Familien sind im Gericht und appellieren an die Medien, die Anonymität der betroffenen Jungen zu wahren. Diese wüssten bis heute nicht, dass der Angeklagte ihnen auf den Fersen war.

Die Gutachter Elmar Habermeyer und Josef Sachs sehen keinen Grund für eine Minderung der Schuldfähigkeit. Richter Daniel Aeschbach will wissen: "Ist der Mann therapierbar?" Die Experten meinen ja, auch wenn eine Behandlung viele Jahre dauern dürfte. Das Urteil wird am Freitag erwartet.

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