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15. November 2011 10:35 Uhr
Kästner-Roman auf der Bühne
Pünktchen und Anton im Freiburger Theater
Pünktchens Vater ist Fabrikant , Antons Mutter ist arm und krank. Den beiden Kindern ist das egal, sie werden dicke Freunde – nicht nur in Erich Kästners Roman, sondern auch auf der Freiburger Theaterbühne.
Erich Kästners Kinderbuchhelden haben das Herz auf dem rechten Fleck, sind quicklebendig und so gewieft, dass sie die Erwachsenen mit links in die Tasche stecken – daran hat sich auch nach achtzig Jahren nichts geändert. Und genau diesen frisch-frechen Charme atmet auch das Kinderstück "Pünktchen und Anton", das jetzt im Theater Freiburg rauschende Premiere feierte.
Zum Glück, ohne die Patina des 1931 erschienenen Klassikers zu verlieren: Allzu verführerisch wäre es gewesen, das Abenteuer in moderne Großstadtschluchten zwischen Hightech-Lofts und Hartz-IV-Tristesse zu verlegen und so die Sehgewohnheiten des Schulkindpublikums zu bedienen. Regisseurin Thalia Schuster widersteht dem auf der Bühne des Großen Hauses, hier gibt es von Anfang an Theaterzauber im Retro-Look mit einer gehörigen Prise "Väter der Klamotte" zu erleben, deren Stil auch von den Kostümen (Elisabeth Vogetseder) bis zur Sprache und Requisite konsequent durchgehalten wird. Denn während das steinreiche Pünktchen (ebenso zarte wie mutige Rüschenprinzessin: Lena Drieschner) und der Kirchenmaus-arme Anton (ganz linkischer Jung-Gentlemen: Konrad Singer) noch ihren so unterschiedlichen Alltag beratschen, hangelt sich schon ein schwarzweiß-geringelter Sträfling an der Strickleiter von der riesigen Mauer herab.
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Und so ist man gleich mitten drin im Krimi, plant der gerade ausgebrochene Robert, der Teufel (sprühend und fies: Viktor Calero) mit Pünktchens Kindermädchen Fräulein Andacht (verliebtes Luder: Nicole Reitzenstein) doch den ultimativen Coup – und der gilt ausgerechnet dem Tresor von Pünktchens Vater.
So sind nach wenigen Minuten beide Handlungsstränge angelegt: Hier eine dicke Freundschaft, die tiefste, soziale Gräben überwindet, dort ein skrupelloses Gangsterpärchen, das schleunigst gestoppt werden muss... Doch zuerst einmal sorgen die vier Live-Musiker (Tilmann und Burghard Finckh, Beni Reimann, Veronika Reiff) mit schmissigen Songs wie dem Ohrwurm-Freundschaftslied (Komposition: Thomas Seher) für die richtige Stimmung auf der noch fast leeren Bühne. Die jedoch wird sich in Sekunden zum opulenten Bankettsaal der Fabrikantenfamilie Pogge verwandeln, der in seiner Monstrosität ganz der Kinderperspektive nachempfunden ist (Bühne: Thomas Rump): riesige Türen in sterilem, hochherrschaftlichen Weiß und Gold, ein gigantischer Kronleuchter aus Spazierstöcken und eine so gewaltige Tafel, dass sich Pünktchen und ihre Eltern (Frank Albrecht, Nicole Reitzenstein) die magere Tischkonversation zubrüllen müssen.
Ein starkes Bild, das die Familiensituation trefflich einfängt: Geld ohne Ende, dafür viel Distanz und keine Zeit. Krasser könnte der Kontrast nicht sein, als die gedrehten Bühnenelemente windschiefe, verschachtelte und armselige Wohnhäuser aus unzähligen Holz-Fensterläden zeigen. Im zweiten Stock wohnt Anton mit seiner kranken Mutter (Iris Melamed) – die essen Kartoffeln direkt von der Gabel, während ihre Beine aus der winzigen Einzimmer-Wohnung baumeln – und lieben sich trotz aller Sorgen...
Fantastisch wandelbar ist dieses Bühnenbild: wird flugs zur Weidendammerbrücke, unter der Pünktchen von ihren Eltern beim Betteln erwischt wird oder zum spelunkigen Café, in dem das Kindermädchen mit ihrem Verlobten Kognak kippt und den Einbruch ausheckt. Der entwickelt sich dann auch zum rasanten Showdorn mit Bratpfanne und märchenhaftem Happy End. Dabei lässt Thalia Schuster stringent und spannungsreich erzählen, ohne auf Slapstick und verspielten Witz zu verzichten: Schön schrullig sind auch die dicke Berta als trällernde Blümelfregatte (Iris Melamed), der treudoofe Polizist oder das stimmbrüchige, ausgekochte Riesenbaby Klepperbein (beide: Martin Weigel). Leichtfüßig und doch mit viel Gefühl verquicken sich hier Spaß und Ernst, ohne dass Letzterer moralisch oder rührselig gerät. Die tolle Musik trägt das ihre dazu bei. Rundum gelungen!
Weitere Aufführungen bis Februar. Im November am 20., um 11 und 13 Uhr, am 23. und 25., um 10 und 12 Uhr, am 29. um 11 Uhr und am 30. um 10 Uhr; Tickets unter Tel. 0761/496 8888. (Ab 6).
Autor: Marion Klötzer
